Fernwartung mittels virtueller Realität

Betreiber von Industrieanlagen reduzieren derzeit an vielen Stellen das Personal vor Ort, um die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus einzudämmen. Damit die Anlagen trotzdem reibungslos laufen, unterstützt Bilfinger die Betreiber dabei, möglichst viele Aufgaben auch aus der Ferne erledigen zu können.

Passgenaue und schnelle Hilfe vor Ort und das trotz meilenweiter Entfernung – diese Möglichkeit bieten die „virtuellen Industrieservices“. Der Gedanke dahinter ist bestechend einfach, die Ausführung auf dem neuesten Stand der Technik. Zwei Wege gibt es, die eine bequeme, ortsunabhängige Hilfestellung ermöglichen. So kann einerseits ein Experte via Internet über einen speziell eingerichteten, sicheren Zugang von einem Standort in einem beliebigen Teil der Welt auf die Systeme zur Steuerung und Überwachung der Produktion zugreifen. Bei der zweiten Variante wird das Blickfeld eines Kollegen vor Ort zu einem Experten an einem anderen Standort übertragen, sodass dieser ihn simultan anleiten und ihm die benötigte Hilfestellung geben kann. Wie das geht? Ganz digital per Augmented-­Reality(AR­-)Brille.

So setzt beispielsweise die Bilfinger Maintenance GmbH AR-­Brillen ein, wenn Spezialwissen für bestimmte Wartungs­ oder Reparaturaufgaben gefordert ist. Anstatt den Experten auf die Reise an den anderen Standort zu schicken, kann er sich über eine Software mit einem Kollegen vor Ort verbinden. Trotz einer Entfernung von Hunderten Kilometern sieht der Experte über eine Kamera in der AR-­Brille des Kollegen vor Ort die Anlage in Echtzeit und kann mit ihm gleichzeitig per Telefon sprechen. Über einen Bildschirm kann er bei Bedarf weitere Informationen zur Wartung oder Reparatur in das Sichtfeld des Kollegen einblenden – etwa technische Daten oder Herstellerhinweise. Der Kollege vor Ort hat dabei die Hände frei und führt die Reparatur oder Wartung aus.

In einem aktuellen Projekt in Polen stellte Bilfinger einem Mitarbeiter des Kunden eine AR-­Brille zur Verfügung, um so virtuell Zutritt zu der Anlage zu erhalten. Ein Betreten der Anlage durch Bilfinger­Mitarbeiter war aufgrund der Covid­-19­-Pandemie kurzfristig nicht möglich.

Lösung für schwierige Einsätze

„Mit AR-­Brillen können wir Zeit sparen, Reisekosten senken und in der aktuellen Situation gesundheitliche Risiken mindern“, sagt Jörg Stieglitz, Rollout Manager Digital Solutions bei der Bilfinger Maintenance GmbH. „Je nach den individuellen Bedürfnissen der Kollegen oder Kunden stellen wir die passende Hard­ und Software zur Verfügung.“

Die rauen Umgebungsbedingungen in der Prozessindustrie stellen dabei besonders hohe Anforderungen an die AR­Brillen und die verwendete Software. So muss ein sicherer Einsatz gemäß den jeweils gültigen Standards gewährleistet sein, etwa in explosionsgefährdeten Bereichen einer Anlage. Und selbst bei lauten Hintergrundgeräuschen muss der Mitarbeiter vor Ort die AR­-Brille noch durch Sprachsteuerung bedienen können.

Mit AR-Brillen können wir Zeit sparen, Reisekosten senken und in der  aktuellen Situation gesundheitliche Risiken mindern.

Jörg Stieglitz, Bilfinger Maintenance GmbH

Vor diesem Hintergrund hat die Bilfinger Digital Next GmbH aus den vielfältigen Angeboten am Markt die am besten für den Industrieservice geeigneten Modelle ausgewählt. Die Digitaltochter des Konzerns hat die Fernwartung per AR­-Brille in den vergangenen Jahren für Bilfinger entwickelt und erprobt. Mit der Übergabe an die Bilfinger Maintenance GmbH erfolgt nun der praktische Einsatz bei der Fernwartung im Instandhaltungsgeschäft. „Unser Angebot entwickeln wir auch künftig fortlaufend weiter“, so Stieglitz. „Aufgrund der aktuell deutlich angestiegenen Nachfrage prüfen wir etwa gerade Möglichkeiten, wie eine solche Zuschaltung eines Experten aus der Ferne auch mit Standardsoftware und ­geräten, wie Kameras oder Smartphones, funktionieren kann.“

Sicherer Fernzugriff auf die IT

Eine weitere Lösung für den Anlagenbetrieb mit reduziertem Personal vor Ort bietet die Bilfinger GreyLogix GmbH. Der Systemingenieur Marvin Dunn richtet Industriekunden einen direkten, verschlüsselten Zugriff auf ihre Systeme zur Steuerung und Überwachung ihrer Produktionsanlagen ein. Per Virtual­-Private-­Network(VPN­-)Verbindung können die Kunden sich in die Anlagensysteme einloggen, als ob sie selbst vor Ort wären. „Im Prinzip ist das wie eine Art virtuelle Verlängerung des Kabels, mit dem der Rechner mit den IT­-Systemen der Anlagen verbunden ist“, erklärt Dunn. „Der Rechner kann so auf die Systeme zugreifen, als ob er tatsächlich mit einem physischen Kabel mit ihnen verbunden wäre.“

Das Team von Bilfinger GreyLogix richtet diesen Zugriff für die Kunden ein und führt fortlaufend die erforderlichen Sicherheitsupdates durch. „Dabei hilft uns die Erfahrung im Industrieservice sehr: Wir kennen die Anlagen, Systeme und Anforderungen unserer Kunden oft bereits seit vielen Jahren“, so Marvin Dunn.

Vor wenigen Wochen kam etwa ein bestehender Kunde der Bilfinger GreyLogix in Hamburg auf Marvin Dunn zu und ließ einen Fernzugriff auf die Systeme einrichten: „So spart unser Kunde nicht nur Zeit, Aufwand und Kosten, sondern schützt auch die Gesundheit der Mitarbeiter. Kein Kollege muss nun mehr eigens ins Werk geschickt werden, um Zugriff auf die Produktionssysteme zu erhalten.“

Neben dem ortsunabhängigen Zugriff auf die Steuerungssysteme der Anlage bietet Bilfinger GreyLogix weitere Lösungen für eine virtuelle Anlage an. Auf Wunsch übernehmen die Kollegen auch die regelmäßige Überprüfung der Anlagendaten und informieren den Kunden, sollten Unregelmäßigkeiten auftreten. Ebenso kann die Bilfinger­-Tochter mit Standorten in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Niederlande und Russland die Datenaufzeichnung und ­-speicherung sicherstellen und die IT­-Infrastruktur der Industrieanlagen modernisieren und warten. Schritt für Schritt lässt sich so die Anlage „virtualisieren“.

Jörg Stieglitz und Marvin Dunn sind sich einig: „Der Einsatz von Technologien wie den AR-­Brillen oder dem Fernzugriff auf die Steuerungssysteme der Anlagen ist die Zukunft – aber bei Bilfinger längst keine Zukunftsmusik mehr. Die Technologien sind ausgereift, und erfolgreiche Projekte damit belegen bereits ihren Nutzen. Die deutliche Nachfragesteigerung aufgrund der aktuellen Situation kann so für unsere Kunden zum ersten Schritt für den Einstieg in die virtuelle Industrieanlage werden.“

Veröffentlicht in Ausgabe 02.2020


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