Energiewende: Das Jahrhundert-Projekt

Das Ziel isthoch gesteckt: Bis 2050 soll Europa – als erster Kontinent der Welt – klimaneutral werden. Um dieses Ziel zu erreichen, hat die Europäische Kommission im Juli 2021 ein umfangreiches Maßnahmenpaket auf den Weg gebracht. Es soll entscheidend dazu beitragen, dass bis 2030 die in Europa verursachten Netto-Treibhausgasemissionen um mindestens 55 Prozent gegenüber 1990 sinken. 

Aber auch außerhalb Europas werden gewaltige Anstrengungen unternommen, um sowohl die Erzeugung als auch die Nutzung von Energie neu zu organisieren. Das Ziel: schädliche Schadstoffemissionen auf ein Minimum zu begrenzen – und so den globalen Klimawandel aufzuhalten.

Für die Energieversorger und die Prozessindustrie ist diese Energiewende mit tiefgreifenden Veränderungen verbunden. Neue leistungsfähige Infrastrukturen und Prozesse müssen aufgebaut sowie innovative Technologien und Lösungen erarbeitet und umgesetzt werden. Dabei zeigt sich, dass es im Wesentlichen vier Ansätze gibt, um klimaneutral zu werden:

  • Steigerung der Energieeffizienz
  • Einsatz erneuerbarer Energien
  • Nutzung von Power-to-X-Technologien
  • Auffangen von Emissionen

Gerade für Unternehmen der Prozessindustrie gilt: Es reicht nicht aus, sich auf einen dieser Ansätze zu fokussieren oder gar zu beschränken. Vielmehr müssen alle Wege gleichzeitig beschritten werden, um dieses Jahrhundertprojekt zum Erfolg zu führen.

„INVESTITIONEN MÜSSEN BEREITS JETZT IN KLIMANEUTRALE TECHNOLOGIEN FLIESSEN“

Dr. Berit Erlach, Leiterin der Koordinierungsstelle "Energiesystme der Zukunft." (ESYS)

Frau Dr. Erlach, welche Bedeutung hat die Prozessindustrie bei der Erreichung der weltweiten Klimaziele?

Die Industrie ist für etwa ein Drittel der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich und somit von großer Bedeutung für unsere Klimaziele. Eine wichtige Rolle spielt dabei vor allem die Herstellung von Grundstoffen wie Stahl, Zement, Chemikalien oder Kunststoffen. Um den globalen Temperaturanstieg auf deutlich unter 2° C, möglichst 1,5° C zu begrenzen, müssen wir Wege finden, diese Grundstoffe klimaneutral herzustellen oder sie durch andere Stoffe zu ersetzen. Die EU hat zum Ziel, bis 2050 klimaneutral zu sein, bis dahin müssen also alle Industrieprozesse umgestellt sein.  

Worin bestehen die wichtigsten Hebel, um zu einer klimaneutralen Prozessindustrie zu kommen?

Es gibt insgesamt drei wesentliche Hebel: Der erste Hebel ist, den Bedarf an emissionsintensiven Grundstoffen zu senken. Beispielsweise können verstärkt klimafreundlichere Materialien eingesetzt werden, z. B. im Baubereich mehr Holz statt Stahl und Beton. Auch langlebigere Produkte können den Bedarf an Grundstoffen reduzieren, beispielsweise bei Kunststoffen. Der zweite Hebel ist das Schließen von Stoffkreisläufen durch hochwertiges Recycling. Und der dritte Hebel ist eine Umstellung auf klimaneutrale Produktionsprozesse, wofür bis 2050 große Mengen grünen Stroms und Wasserstoffs nötig sind. 

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen auf diesem Weg?

Ich sehe zwei große Herausforderungen. Zum einen müssen die Investitionen bereits jetzt in klimaneutrale Technologien fließen, denn Industrieanlagen bleiben oft Jahrzehnte in Betrieb. Anlagen, die heute gebaut werden, laufen also 2050 noch. Jede Produktionsanlage, die in den nächsten Jahren gebaut wird, sollte bereits klimaneutral sein oder sich später auf einen klimaneutralen Betrieb umstellen lassen. Heute rentieren sich die klimaneutralen Verfahren aber noch nicht am Markt, denn die CO2-Preise sind noch zu niedrig. Hier ist also in den nächsten Jahren zusätzliche Unterstützung durch die Politik erforderlich. Zum anderen muss die Politik Anreize für ambitionierten Klimaschutz in Europa setzen, aber gleichzeitig Carbon-Leakage verhindern, also das Abwandern von Industrie in Länder mit weniger ambitioniertem Klimaschutz. Hier wäre es ein großer Fortschritt, wenn der EU eine Allianz für ambitionierten Klimaschutz vor allem mit den USA und China gelingen würde.


Dr. Berit Erlach ist Leiterin der Koordinierungsstelle „Energiesysteme der Zukunft“ (ESYS). Mit der Initiative ESYS geben die Wissenschaftsakademien acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, Leopoldina und die Akademienunion Impulse für die Debatte über Herausforderungen und Chancen der Energiewende in Deutschland. Im Akademienprojekt erarbeiten mehr als 100 Fachleute aus Wissenschaft und Forschung Handlungsoptionen zur Umsetzung einer sicheren, bezahlbaren und nachhaltigen Energieversorgung. Das Projekt wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).

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