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Interview: "Ein Aufbruch vergleichbar mit dem Wettlauf ins All"

Mit grünem Wasserstoff sind große Hoffnungen verbunden. Doch bevor Wasserstoff industriell genutzt werden kann, sind noch viele offene Fragen zu klären . Steve Hill und Axel Funke skizzieren die aktuellen Herausforderungen und geben einen Ausblick auf die weitere Entwicklung des Marktes.

Wo liegen aus Ihrer Sicht derzeit die größten technologischen Herausforderungen, um Wasserstoff industriell ­­nutzen zu können?

Steve Hill: Die größte technologische Herausforderung besteht darin, dass in der Industrie 200- bis 400-MW-Anlagen benötigt und auch nachgefragt werden, mit der heutigen Technologie aber erst 10- oder 20-MW-Elektrolyseure möglich sind. Außerdem sind bei der Lagerung und dem Transport von Wasserstoff noch viele technologische Fragen offen, sodass er bis jetzt nicht industriell – also in großen Mengen – genutzt werden kann. 

Axel Funke: Lagerung und Transport von Wasserstoff sind deswegen so wichtig, weil die besten Standorte für Wasserstoffanlagen Gebiete mit hoher Sonneneinstrahlung bzw. großem Windangebot sind. Dadurch wird es aber nötig, den Wasserstoff zu transportieren. Dies kann in einer chemisch umgewandelten Form wie Ammoniak, Methanol oder gebunden an einen Träger wie LOHC (Liquid Organic Hydrogen Carrier) geschehen. Oder man kühlt den Wasserstoff in eine flüssige Form ab, was wiederum viel Energie erfordert. Bislang hat sich noch keine Technologie als führend herausgebildet, und daher setzen die Projektentwickler auf unterschiedliche Lösungen.

Wie lassen sich diese Herausforderungen bewältigen?

Steve Hill: Dies ist nur möglich, wenn noch mehr in Technologie investiert und intensiv sowie global zusammengearbeitet wird. Wir bei Bilfinger erproben daher gemeinsam mit anderen Unternehmen verschiedene neuartige Verfahren. Hierzu zählt beispielsweise die Nutzung von LOHC, um Wasserstoff sicher und effizient transportieren zu können. Außerdem unterstützen wir verschiedene Unternehmen dabei, die Kapazitäten ihrer Stacks mit innovativen Ansätzen Schritt für Schritt zu erhöhen.

Ist der Durchbruch für eine industrielle Nutzung von Wasserstoff erst geschafft, eröffnen sich zahlreiche weitere Einsatzmöglichkeiten."

Axel FunkeHead of Business Line Integrated Projects

Welche Rolle spielt dabei die Forschung?

Axel Funke:
Obwohl die Elektrolyseurtechnologie mehr als 100 Jahre alt ist, sind die vielen initiierten Forschungsprojekte und -anlagen zur Wasserstofftechnologie extrem wichtig. Denn sie tragen wesentlich zur Weiterentwicklung der Technologie bei. So arbeitet Bilfinger beispielsweise mit dem Institut für Thermodynamik der Leibniz Universität Hannover und EWE Gasspeicher im Bereich der Trocknung von Wasserstoff zusammen. Die Trocknung von Wasserstoff ist Voraussetzung dafür, ihn industriell nutzen zu können. Von großer Bedeutung sind aber auch die Erforschung von alternativen Membranen für Elektrolyseure sowie die Verwendung von unedlen Metallen anstelle von Edel- und Seltenerdmetallen als Katalysatoren für die Wasserstoffproduktion. Ohne derartige Forschungsaktivitäten würde sich die Technologie, die für eine industrielle Nutzung von Wasserstoff benötigt wird, viel zu langsam weiterentwickeln.

Wie beurteilen Sie die Marktentwicklung in Bezug auf Wasserstoff? Wird sich die bereits beobachtete Dynamik fortsetzen oder gar verstärken?

Steve Hill: Meiner Überzeugung nach erleben wir derzeit einen Aufbruch, der mit dem Wettlauf ins All vergleichbar ist. Dies erkennt man an den sehr hohen Investitionen der Unternehmen, an den Förderprogrammen der Länder, aber auch am Interesse der Wissenschaft und der Gesellschaft am Wasserstoff als Energiespeicher. Noch wissen wir nicht, wie hoch der Bedarf an Wasserstoff tatsächlich ist. Aber das Potenzial ist gewaltig.

Axel Funke: Ich denke auch, die Dynamik wird sicher weiter zunehmen. Ist der Durchbruch für eine industrielle Nutzung von Wasserstoff erst geschafft, eröffnen sich zahlreiche weitere Einsatzmöglichkeiten. Eines Tages könnte Wasserstoff auch die Batterien in der Autoindustrie ersetzen. Denn das Tanken von Wasserstoff geht sehr viel schneller als das Laden einer Batterie, und mit Wasserstoff sind größere Reichweiten möglich. Mit dem Krieg in der Ukraine und den steigenden Öl- und Gaspreisen erhält die Wasserstofftechnologie ohnehin noch einen weiteren Schub.

Wie unterstützt Bilfinger Unternehmen bei der Produktion, der Speicherung und dem Transport von Wasserstoff? 

Steve Hill: Wir haben bei Bilfinger bereits umfangreiche Erfahrungen mit der Wasserstofftechnologie gesammelt – und dies sowohl in der Produktion als auch in der Speicherung und dem Transport. Hilfreich waren dabei unsere herausragenden Kompetenzen im Bereich Erdgas. Darüber hinaus haben wir bereits viele Unternehmen dabei unterstützt, Wasserstoffpro-jekte aufzusetzen, die wirtschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen zu analysieren und Genehmigungen einzuholen.

Axel Funke: Mit unserer globalen Reichweite und der Möglichkeit, Kompetenzen aus sehr unterschiedlichen Bereichen zusammenzuführen, bieten wir ein umfassendes Angebot. Heute sind wir in der Lage, unsere Kunden von der Machbarkeitsstudie bis hin zur Inbetriebnahme und Wartung vollumfänglich in allen Teilen der Wertschöpfungskette zu unterstützen. Wir sehen uns daher als Technologieintegrator für das Wasserstoffgeschäft: Wir kennen die verschiedenen technologischen Möglichkeiten und wissen, welche Technologie sich für welche Zwecke am besten eignet.

Ihr Kontakt bei Fragen:
Axel Funke
Head of Business Line Integrated Projects
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Stephen Hill
Global Development Director - Energy & Utilities & Key Account Management
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