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CCS-/CCU-Technologie: Ein Markt vor dem Durchbruch

Die Abscheidung und Speicherung von CO2-Emissionen (CCS – Carbon Capture and Storage) entwickelt sich rasch zu einer entscheidenden Übergangstechnologie, um das Ziel einer klimaneutralen Industrie zu erreichen. Noch faszinierender ist allerdings der Gedanke, die abgeschiedenen CO2-Emissionen einer Nutzung zuzuführen (CCU – Carbon Capture and Utilization), insbesondere zur Herstellung von Produkten oder zur Erzeugung von Energie. Welche Chancen bietet die CCS- bzw. CCU-Technologie? Und welche Herausforderungen bestehen aktuell? Massimo Pardocchi und René de Schutter von Bilfinger geben Auskunft.

CCS- und CCU-Lösungen werden in der Industrie mittlerweile sehr häufig diskutiert. Wie ist der aktuelle Stand der Diskussion?

Massimo Pardocchi: Zunächst einmal hat sich die Diskussion über die Abscheidung und Speicherung bzw. Nutzung von CO2 deutlich versachlicht. Im Vordergrund stehen heute vielmehr technische statt politische Fragen. Hierzu haben insbesondere die zahlreichen Forschungs- und Pilotprojekte beigetragen, die die vielfältigen Möglichkeiten dieses neuen Ansatzes aufgezeigt haben. Deutlich zu erkennen ist außerdem, dass mehr und mehr CCU-Lösungen in den Vordergrund rücken. Immer mehr Projekte beschäftigen sich also mit der Frage, wie die abgeschiedenen Emissionen transportiert, gespeichert oder einer Nutzung zugeführt werden können, beispielsweise als Rohstoff für die Herstellung alternativer Kraftstoffe in Kombination mit Wasserstoff.

In welchen Branchen besteht das größte Interesse für CCS- und CCU-Lösungen? Von wo erhalten Sie die meisten Anfragen?

René de Schutter: Die größte Nachfrage besteht zweifellos in den Branchen, in denen auch die größten CO2-Emissionen auftreten. Dies sind vor allem die Zement-, die Stahl- und die Chemieindustrie. Da immer mehr Länder Netto-Null-Ziele definiert haben, steigt aber auch das Interesse in anderen Branchen. Viele Unternehmen haben sich ehrgeizige Klimaziele gesetzt und erkennen nun in der CCS-/CCU-Technologie einen von mehreren Bausteinen, um diese Ziele zu erreichen. Dies zeigt  sich beispielsweise am Waste-to-Energy-Sektor: Hier lässt sich gerade eine hohe Nachfrage insbesondere nach mittelgroßen Anlagen beobachten.

Im Vordergrund stehen heute vielmehr technische statt politische Fragen."

Massimo PardocchiGlobal Development Director and Lead CCUS Business Development bei Bilfinger SE

In welchen Ländern wird die CCS-/CCU-Technologie vor allem vorangetrieben?

René de Schutter: Diejenigen Länder, die die CCS-/CCU-Technologie wesentlich entwickelt haben und auch jetzt noch entscheidend vorantreiben, sind die  Anrainerstaaten der Nordsee – allen voran Norwegen, die Niederlande und das Vereinigte Königreich. Im Mittelpunkt steht dabei der Gedanke, industrielle  Hafengebiete mit ausgeschöpften Offshore-Gasfeldern zu verbinden, die für die Speicherung des abgeschiedenen CO2 genutzt werden können. Steigendes Interesse ist aber auch in den Nachbarstaaten zu erkennen, insbesondere in Deutschland, Dänemark und der Schweiz. Und auch in den USA wird die Abscheidung von CO2 seit jüngerer Zeit forciert. Hier werden derzeit insbesondere rund um den Golf von Mexiko entsprechende Projekte aufgesetzt.

Was sind die größten Herausforderungen bei der Umsetzung und Realisierung der Projekte?

Massimo Pardocchi: Der größte Engpass für die Entwicklung und die Umsetzung von CCS-/CCU-Projekten ist das Fehlen einer integrierten und leistungsfähigen 
CO2-Transportinfrastruktur. Solange diese fehlt, können nur vergleichsweise kleine bzw. regional begrenzte Projekte entstehen. Daher wird derzeit insbesondere an Projekten gearbeitet, bei denen mehrere Emittenten in industriellen Hubs zusammenarbeiten und sich die Kosten zum Aufbau solcher Infrastrukturen teilen. Es könnten schnell weit mehr CCS-/CCU-Projekte in der Industrie entstehen, doch es fehlt den meisten Interessenten an einem klaren und tragfähigen Business Case. Und dieser kann nur entstehen, wenn die Regierungen die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen, vor allem in Form von entsprechenden Infrastrukturen,  einer langfristig ausgerichteten Politik und verlässlichen Steuersätzen.

Wie wird sich der Markt Ihrer Meinung nach in den nächsten Jahren bzw.  Jahrzehnten entwickeln?

René de Schutter: Der Markt wird sich zweifellos sehr dynamisch entwickeln. In den vergangenen Jahren haben wir mehrere technische Durchbrüche erlebt: Die Abscheidung und der Transport von CO2 stellen technologisch gesehen grundsätzlich keine großen Herausforderungen mehr dar. Sobald sich auch die angesprochenen Infrastrukturen gebildet haben und wir neue und weitere Möglichkeiten der Speicherung und vor allem der Nutzung von CO2 entwickelt haben, wird die CCS-/CCU-Technologie weltweit in großem Umfang zum Einsatz kommen. Uns war es daher wichtig, frühzeitig in diesem Markt vertreten zu sein und daran mitzuwirken, seine Entwicklung zu prägen. 

Der Markt wird sich zweifellos sehr dynamisch entwickeln."

René de SchutterBusiness Development Manager Energy Transition bei Bilfinger Tebodin

Wie unterstützt Bilfinger bei der Entwicklung und Umsetzung von CCS-/CCU-Projekten?

Massimo Pardocchi: Bilfinger ist bereits seit über 20 Jahren auf dem Gebiet der Kohlendioxidabscheidung aktiv. Gerade in der Konzeptionsphase hat Bilfinger sein Know-how bereits in zahlreichen Projekten eingebracht. In den vergangenen Jahren haben wir unser Leistungsspektrum kontinuierlich ausgebaut und können nun Design- und Build-Lösungen für verschiedene Branchen, zum Beispiel Zement oder Abfall, bieten, damit diese ihre Dekarbonisierungsziele erreichen.