In Skandinavien überträgt die Prozessindustrie die Instandhaltung ihrer Produktionsanlagen immer öfter an spezialisierte Dienstleister. Bilfinger Berger hat den Trend früh erkannt und ist zum Marktführer aufgestiegen.
Es ist ein fast wolkenloser Morgen, als Jan-Erik Kukkonen auf die höchste Plattform am Borealis- Standort Stenungsund bei Göteborg steigt. Aus 76 Meter Höhe überblickt der Ingenieur eine der größten und modernsten petrochemischen Industrieanlagen Skandinaviens, ein für den Laien undurchschaubares Gewirr an Rohren, Kesseln und Silos.
Kukkonen deutet hinüber zum Hafen, wo Schiffe Propan, Butan und andere Gase löschen. „Das sind die Grundstoffe, die im Cracker“ – Kukkonen zeigt nach links – „zu Ethylen und Propylen verarbeitet werden“. Er schwenkt seinen Arm nach rechts, „und dort drüben entsteht daraus Polyethylen, aus dem Kabel, Rohre und andere Kunststoffprodukte hergestellt werden.“ Dann deutet Kukkonen auf ein Bahngleis, das die beiden Produktionsbereiche voneinander trennt: „Dieses Gleis war früher eine Grenze: Obwohl beide Bereiche zu Borealis gehören, gab es zwischen den Instandhaltungsteams kaum Austausch. Aus heutiger Sicht nicht mehr vorstellbar.“
Jan-Erik Kukkonen ist Instandhaltungsmanager bei Bilfinger Berger Industrial Services, die in Skandinavien ein expandierendes Industrieservicegeschäft betreibt. Ein wichtiger Baustein des Erfolgs: der Outsourcing-Kontrakt mit dem Kunststoffhersteller Borealis. Hier hält Bilfinger Berger für rund 15 Mio. € im Jahr Pumpen und Ventile, Kessel und Kompressoren, Schaltkästen und Ventilatoren in Schuss – und zwar mit den von Borealis übernommenen Instandhaltungsteams.
Ingenieur Kukkonen beschreibt den Kern des Geschäftsmodells: Seit die 140 Facharbeiter von Borealis zu Bilfinger Berger gewechselt sind, gibt es jene Grenze zwischen den Werksteilen nicht mehr. Ganz selbstverständlich sind die Mechaniker und die Elektriker jetzt überall auf dem weitläufigen Gelände im Einsatz. „Aber ihr Aktionsradius ist noch viel größer“, sagt Kukkonen und zeigt hinüber zur Chemiefirma AkzoNobel, die für ihre Wartungsarbeiten ebenfalls auf Personal von Bilfinger Berger zurückgreift. „Manche Kollegen arbeiten auch mal für einige Wochen oder Monate auf einer Ölplattform vor Norwegen oder sind bei der Generalinspektion einer Industrieanlage in Finnland.“ Dann weist Kukkonen auf eine Werkhalle am Stadtrand von Stenungsund, das Maintenance and Competence Center. Dort werden die Servicespezialisten weitergebildet und für neue Aufgaben bei anderen Kunden vorbereitet.
Die Attraktivität des Modells liegt auf der Hand: Indem Unternehmen aus Chemie und Petrochemie, Papier-, Stahl- oder Aluminiumindustrie ihre Instandhaltungsteams zu Bilfinger Berger auslagern, entsteht dort ein professionell geführter Pool an Spezialisten der verschiedensten Disziplinen. Ihr Tätigkeitsspektrum reicht vom Dauereinsatz in der laufenden Instandhaltung bis zu einmaligen, bisweilen auch kurzfristig anberaumten Spezialaufträgen. Bei den outsourcenden Unternehmen verwandeln sich die Fixkosten fürs Instandhaltungspersonal in variable Kosten. Dabei sind Einsparungen von 20 Prozent und mehr durchaus üblich, während gleichzeitig die Verfügbarkeit der Anlagen steigt. „Unsere Branche ist sehr kostengetrieben“, erklärt Borealis- Manager Lars Tore Grimsland, „wir konkurrieren mit Anbietern aus Ländern, deren Arbeitskosten weit unter dem Niveau Skandinaviens liegen.“ Outsourcing ist deshalb ein attraktives Instrument zur Effizienzsteigerung. „Außerdem ist unser Geschäft die Produktion von Polymeren, nicht die Instandhaltung von Anlagen“, hebt er hervor. „Angesichts der wachsenden Komplexität drängt es sich geradezu auf, die Wartung an Spezialfirmen zu geben.“
Bilfinger Berger hat in Skandinavien in den vergangenen Jahren durch Zukäufe, aber auch durch organisches Wachstum deutlich zugelegt und sich als Marktführer im Industrieservice etabliert. Rund 4.000 Mitarbeiter erwirtschaften einen Umsatz von nahezu 500 Mio. €. In Schweden und Norwegen sind die Industriedienstleister jeweils an rund 30 Standorten präsent. Gerade ist der Einstieg in Finnland gelungen. „Outsourcing-Projekte sind das Feld, auf dem wir uns am deutlichsten vom Wettbewerb unterscheiden. Hier können wir uns als strategischer Partner unserer Kunden profilieren“, sagt Thomas Töpfer, der im Vorstand von Bilfinger Berger für Industrieservice verantwortlich zeichnet.
Eine wichtige Grundlage für strategische Partnerschaften mit Industriekunden sei gegenseitige Offenheit, so Morten Mathisen, Leiter von Bilfinger Berger Industrial Services in Skandinavien. Die Transparenz geht soweit, dass in den Partnerschaften sogar die eigene Kalkulation offengelegt wird. „Und als Marktführer“, betont Mathisen, „sind wir darüber hinaus verpflichtet, die Nummer Eins in Sachen Arbeitssicherheit und Umweltschutz zu sein. Unsere Kunden verlangen einen störungsfreien Produktionsablauf. Darauf lassen wir uns verpflichten.“
(Text: Stefan Scheytt, Fotos: Uffe Holm)


Der Borealis-Standort Stenungsund ist eine der größten und modernsten petrochemischen Industrieanlagen Skandinaviens.


