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Bilfinger BergerBilfinger Berger - Construction

Asphaltieren mit Gefühl

Bilfinger Berger plant, finanziert und baut das derzeit größte Straßenverkehrsprojekt Schottlands: Bei Glasgow erweitert das Unternehmen eine überlastete Fernstraße zu einer Autobahn und übernimmt anschließend für 30 Jahre den Betrieb.

Es ist schon halb neun Uhr abends, als sich Alan Thompson, Verkehrsmanager von Bilfinger Berger, in seinem Büro zusammen mit Polizeimeister Ted Murray über Pläne beugt. Am Ende eines langen Arbeitstages spielen sie Situationen durch, die erst in einigen Wochen Realität werden.

„Auf dieser neuen Einfahrt werden die Autofahrer mit zu hoher Geschwindigkeit auf die Baustelle treffen“, befürchtet Thompson. Der Verkehrspolizist überlegt. „Es wird nicht ohne Ampeln gehen“, sagt er dann. „Aber sie müssen möglichst schnell wieder verschwinden.“ Der Verkehr darf im dicht besiedelten Central Belt von Schottland so wenig wie möglich ins Stocken geraten – Bauarbeiten für ein Großprojekt hin oder her. Die Polizei hat Murray für das Projekt M80 abgestellt. Zusammen mit den Spezialisten von Bilfinger Berger tüftelt er Spurwechsel aus, plant Geschwindigkeitsbegrenzungen und Beschilderungen. „Gemeinsam manövrieren wir jeden Tag fast 80.000 Autos sicher und möglichst fließend durch die Großbaustelle“, sagt Thompson nicht ohne Stolz.

Bilfinger Berger beseitigt bei Glasgow ein 18 Kilometer langes Nadelöhr. Denn nur hier, zwischen den Ortschaften Stepps und Haggs, ist die Autobahn M80 noch nicht ausgebaut. Täglich quälen sich zehntausende Fahrzeuge über die alte Fernstraße. Zehn Kilometer werden nun auf sechs Spuren erweitert, weitere acht Kilometer neu gebaut.

Zunächst werden 1,5 Millionen Kubikmeter Erde bewegt – eine Menge, mit der sich das Wembleystadion bis zu den oberen Rängen füllen ließe. Mehr als 400.000 Tonnen Asphalt sind einzubauen, über 60 Ingenieurbauwerke – darunter zehn Brücken – zu erstellen. Eine detaillierte Planung der Logistik ist die zentrale Herausforderung des Projekts. „Ohne das technische Know-how und die Erfahrung, die Bilfinger Berger besitzt, wäre eine Bauaufgabe dieser Größenordnung kaum zu bewältigen“, erklärt Projektleiter Roger Whiston. Und: Der Verkehr muss immer fließen, zweispurig in jede Richtung. „Wenn wir eine Fahrbahn herstellen, rauscht auf der Nachbarspur der Verkehr mit sechzig Sachen an uns vorbei.“ Kein Wunder, dass zur Lenkung der Verkehrsströme während der Bauzeit 19.000 Warnkegel, 2.300 Warnlampen und 16 Kilometer temporäre Leitplanken im Einsatz sind.

Dutzende von Akteuren wollen konsultiert, informiert und dirigiert werden: Fachbehörden, Bürgergruppen, Nachunternehmer und die insgesamt 700 Beschäftigten. Die Arbeiten müssen sich vielen Bedürfnissen anpassen – auch denen der Anwohner. Nachtschichten werden nur in Ausnahmefällen genehmigt. „Es geht darum, das Projekt mit viel Fingerspitzengefühl, aber zielstrebig voranzubringen“, erklärt der Projektleiter.

Ende 2011 muss das letzte Teilstück der M80 fertig sein laut Vertrag, der mit allen Details zehn dicke Ringordner füllt. Für Bilfinger Berger ist das Autobahnteilstück eine wichtige Investition in eine Öffentlich Private Partnerschaft. Das Unternehmen steckt mehr als 23 Mio. € Eigenkapital in das Projekt, dessen Gesamtinvestitionsvolumen sich auf gut 350 Mio. € beläuft. Für die schottische Regierung geht es um mehr als um die 15 Minuten Fahrzeit, die durch den Ausbau eingespart werden. „Ein effektives Transportsystem ist essenziell, um die Produktivität zu erhöhen und nachhaltiges Wachstum zu schaffen“, betont Stewart Stevenson, der frühere Verkehrsminister Schottlands. Dafür, dass Bilfinger Berger die Schnellstraße zur Verfügung stellt und betreibt, erhält das Unternehmen ab September 2011 dreißig Jahre lang eine vertraglich festgelegte Summe aus dem schottischen Haushalt.

Aber noch herrschen auf der Baustelle die Ingenieure. Bauleiter Carsten Künning koordiniert, zu welchen Abschnitten die täglich bis zu 4.000 Tonnen Asphalt geliefert werden. Gerade wird an einer neuen Fahrspur die vierte und letzte Schicht eingebaut: Die Decke ist nur wenige Zentimeter dick und weist eine besonders feine Gesteinskörnung im Bitumen auf. „Das ist wie beim Lackieren von Autos“, schwärmt Künning. „Der letzte Arbeitsgang bringt den Glanz.“ Ein Lastwagen füllt den Kübel des Straßenfertigers mit der schwarzen Masse. Über Schnecken im Inneren der Maschine gelangt der Asphalt ins Heck und wird dort zentimetergenau ausgebracht. Ein Arbeiter prüft die Temperatur: 172 Grad Celsius. Der frische Belag knistert wie Popcorn in der Mikrowelle. Künning greift in die Tasche, sucht in seinem Portemonnaie nach einem Penny und wirft die Münze vor den Straßenfertiger. Er lächelt und sagt: „Das bringt Glück.“

(Text: Jan Rübel, Fotos: Frank Schultze)