DIE ZUCKERTÜTE SOLL ERSTKLÄSSLERN DEN WEG IN DEN ERNST DES LEBENS VERSÜSSEN. MANCHE KINDER STIMMT DAS EHER NACHDENKLICH. FOTOGRAFISCHE DOKUMENTE AUS 100 JAHREN.
So groß war die Tüte aus Papier, dass sie dem Jungen bis zum Gesicht ragte, und die Schleife daran behinderte seine Sicht. Stolpernd riss er die Spitze der Tüte ab, und der Schatz darin ergoss sich auf das Pflaster: Bis an die Knöchel stand der Junge „in Bonbons, Pralinen, Datteln, Osterhasen, Feigen, Apfelsinen, Tört chen, Waffeln und goldenen Maikäfern“. Der Junge hieß Erich Kästner, später sollte aus ihm ein berühmter Schriftsteller werden. An diesem Morgen im Dres den des Jahres 1906 war sein erster Schultag, und dazu gehört in Deutschland ein süßer Brauch. Um den Kindern den Weg hinein in den „Ernst des Lebens“ zu erleichtern, bekommen sie neben einem Ranzen auch einen Kegel aus Papier und Karton, gefüllt mit Geschenken, in manchen Gegenden „Schultüte“ genannt, in anderen „Zuckertüte“.
Die Form hat sich in den vergangenen zweihundert Jahren nicht geändert, wohl aber Größe und Inhalt. Süßigkeiten und Obst wurde schon früh Praktisches beigegeben, Schürzen für die Mädchen zum Beispiel oder der Laptop der frühen Zeit, eine kleine Schiefertafel mit Schwamm und Griffel. Bei Arbeiterkindern wurde die Tüte zum Teil mit Zeitungspapier ausgestopft, weil das Geld nicht reichte, sie ganz zu befüllen. Heute finden die Kinder zwischen Gummibärchen, Geodreieck und Trinkflasche in ihrer Schul tüte nicht selten auch ein Mobiltelefon oder Computerspiele.
Immer gehört das Foto dazu, aufgenommen von Eltern, die an diesem großen Tag die gleichen gemischten Gefühle empfinden, die sich in den Gesichtern der Kinder spiegeln: Freude, Stolz und manchmal auch ein wenig Angst.
Text: Paul Lampe
Bilfinger Berger Magazin 1/2011







