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BIOMASSE UND BIOGAS

SCHÄFERS SHRIMPS

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DER BAUERNHOF MIT KÜHEN UND SCHWEINEN RECHNETE SICH NICHT MEHR. JETZT BETREIBT HEINRICH SCHÄFER DIE ERSTE GARNELENFARM DEUTSCHLANDS.

Wenn Heinrich Schäfer über Garnelen spricht, doziert er über den pH-Wert des Wassers und die Neigung der Tiere zum Kannibalismus. Er spricht aber auch über den Niedergang der Landwirtschaft. Sterneköche wie Tim Raue und Johann Lafer, die bei ihm die tropischen Leckerbissen ordern, ahnen vielleicht nicht, dass beides zusammengehört. Heinrich Schäfer, Jahrgang 1949, dessen Hof im niedersächsischen Affinghausen seit 450 Jahren in Familienbesitz ist, hat die Agonie seines Berufsstands jedoch täglich vor Augen. Von einst fünfzig Betrieben in der Umgebung sind noch fünf übrig.

Der Landwirt betritt seine ehemalige Maschinenhalle, Hitze schlägt ihm entgegen. „32 Grad Raumtemperatur, 80 Prozent Luftfeuchtigkeit“, sagt er und zieht den Parka aus. Hinter einer Glasscheibe schwimmen 160 000 Exemplare der Gattung Penaeus vannamei, weiße Tiger-Shrimps, in großen Becken: Schäfer betreibt die erste und einzige Garnelenfarm in Deutschland. Seine Anlage wirkt überraschend primitiv, als habe sich der Landwirt die Konstruktion aus Kanthölzern und Plastikplanen selbst zusammengezimmert. Und doch handelt es sich um ein ausgeklügeltes und hochanfälliges System. Die technischen Details hält er aus Angst vor Nachahmern lieber geheim, deshalb müssen Besucher mit dem Blick durch die Scheibe vorliebnehmen.

Man erkennt Becken, die sich auf vier Ebenen erstrecken. Die aus Florida eingeflogenen fünf Tage alten Larven kommen ins oberste Becken. Über Ablaufrohre gelangen sie im Verlauf der nächsten Monate jeweils eine Etage tiefer. Nach sechs Monaten schwimmen sie, 20 Zentimeter lang und 25 Gramm schwer, im sogenannten Erntebecken, eine exotische Delikatesse, bereit zum Verzehr. Dieses größte Becken nimmt fast die gesamte Länge der Halle ein; etwa 10 000 Tiere kann Schäfer pro Woche daraus ernten.

EMPFINDLICHE KANNIBALEN
Ein schmaler Mann mit nacktem Oberkörper nimmt gerade eine Wasserprobe. Schäfers Sohn Marco verbringt den ganzen Tag in der Hitze, kontrolliert Wasserqualität und Futtermenge. Vierzehn Mal am Tag bekommen die Tiere ihre Nahrungsmischung aus Sojaschrot, Erbsen, Getreide und Fischmehl. Diese Arbeit übernehmen meterhohe trichterförmige Fütterautomaten, doch die Menge muss Marco Schäfer immer wieder neu austarieren. Garnelen sind empfindlich. „Bekommen sie zu viel, kippt das Wasser um; bekommen sie zu wenig, fressen sie sich gegenseitig auf“, sagt Heinrich Schäfer.

Die Nachfrage nach Garnelen ist groß. 100 Tonnen tiefgekühlte Schalentiere landen täglich in Deutschland, vor allem aus Asien und Lateinamerika. Doch die Importware hat einen schlechten Ruf. Für die Zuchtbecken werden in Thailand und Vietnam Mangrovenwälder abgeholzt, im Fleisch finden sich manchmal Rückstände von Antibiotika. Heinrich Schäfer verzichtet in seinen Becken auf Medikamente und lässt die tierärztliche Hochschule Hannover regelmäßig Proben nehmen. Auch der Geschmack stimmt: Schäfer verkauft seine Garnelen zu 39 Euro pro Kilo, dem vierfachen Preis von Discounterware, an die besten Restaurants im Land. Er hat einen Nerv getroffen.

In Heinrich Schäfers Büro hängt ein Ölbild. Es zeigt das Anwesen der Familie: ein stattliches Wohnhaus, Schuppen und Lagerbauten, umgeben von eigenem Land. Ein Hof wie aus dem Bilderbuch. „Früher hatten wir 20 Kühe, auch Schweine und Hühner. Wir haben alles selbst erzeugt.“ Doch schon in den 1970er Jahren erkannte Schäfer, dass die Familie mit herkömmlicher Landwirtschaft bald keine Chance mehr haben würde. Er verkaufte seine Tiere und gründete einen Lohnbetrieb. Heinrich Schäfer bestellte für die benachbarten Bauern die Felder, holte ihre Ernte ein und presste das Stroh. Doch bald trug sich auch dieser Betrieb nicht mehr, und Schäfer sattelte erneut um, auf Biogas. Seit 2006 hat er zwei Anlagen. Beschickt werden sie mit Mais, den er auf seinen 100 Hektar Land anbaut, Mais von weiteren 60 Hektar kauft er zu. Zwanzig Tonnen kippt er jeden Morgen in die Biogasanlagen. Die beiden Mini-Kraftwerke haben eine elektrische Leistung von 500 Kilowatt, den Strom speist er ins örtliche Netz ein. „Das hat sich sofort rentiert“, sagt Schäfer.

BANKEN VERWEIGERTEN KREDITE
Mit der Abwärme seiner Biogasanlagen hätte man 70 Einfamilienhäuser heizen können. „Aber in Affinghausen gibt es gar keine 70 Häuser“, sagt Schäfer. Zunächst verpuffte die Wärme ungenutzt: „Diese Verschwendung konnte ich nicht ertragen.“ Im Fernsehen sah er ständig Sendungen, in denen Köche Garnelen zubereiteten. Er führte seine Frau in ein Restaurant nach Cuxhaven aus. Die Empfehlung des Tages: Garnelenplatte. Da war seine Geschäftsidee geboren.

Sohn Marco wurde nach Texas geschickt, damit er dem renommierten Shrimps-Forscher Addison Lawrence zwei Monate über die Schulter schaute. Die Lehrmonate auf der Versuchsfarm der Texas A&M University-Corpus Christi lohnten sich. Heute gibt es wohl niemanden in Deutschland, der sich mit Garnelenzucht besser auskennt als Marco Schäfer. Im Dorf hielt man die Schäfers für verrückt. Die Banken verweigerten Kredite, Bau- und Veterinäramt waren sich unsicher, ob sie eine Garnelenfarm überhaupt genehmigen dürften. Heinrich Schäfer hat das nie verstanden. „Es ist doch ein Produkt, das der Markt verlangt“, sagt er.

Seine Garnelen tragen den Markennamen Marella, was irgendwie international und nach Exotik klingt. Doch tatsächlich deutet die Wortschöpfung auf die Wurzeln im norddeutschen Flachland. „Meine Enkelinnen“, sagt Bauer Schäfer mit einem Augenzwinkern, „sie heißen Maren, Nele und Mara.“

Text: Anne Meyer, Fotos: Kathrin Harms
Bilfinger Berger Magazin 1/2012