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ARCHITEKTUR

RAUM IST IN DER KLEINSTEN HYTTE

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DAS HOTEL JUVET ERFINDET DIE NORWEGISCHE HÜTTENTRADITION NEU. DIE ARCHITEKTUR UNTERWIRFT SICH GANZ DER NATUR.

Nur einen Steinwurf von der Scheibe entfernt brüllt der Fluss Valldøla in ewigem Zorn. Weiß vor Wut hat er sich in Tausenden von Jahren in den Gneis gebissen und eine schroffe Schlucht geschaffen, an der das Auge sich lange nicht satt sehen kann. Am Hang, direkt vor dem Fenster, krallen sich Birken und Kiefern in mannsgroße Felsblöcke. Üppiges Moos versteckt hier und da die graue Nacktheit der Blöcke, die dem Berg Alstadfjellet irgendwann lästig geworden sind und von ihm abgeworfen wurden. Jetzt liegen sie hier wie ein Würfelspiel von Riesen. Hinter dem Fluss erhebt sich der Berg steil wie eine Wand; auf seiner flachen, schneebedeckten Kuppe kann man selbst im August Ski fahren.

Das ist der Blick, der den Gast im Hotel Juvet (auf Deutsch Hotel Schlucht) gefangen nimmt. Das Juvet liegt oberhalb des Dorfes Valldal am Norddalsfjord. Anders gesagt: ganz weit draußen. Attraktionen gibt es hier nicht. Außer einer: Landschaft. Und so nennt der Besitzer Knut Slinning seine Herberge gerne auch „Landschaftshotel“.

DAS DRAUSSEN IST DRINNEN
Knut Slinning, ein drahtiger, unrasierter Mann von 59 Jahren, war früher Lehrer für Betriebswirtschaft. Heute kann man ihn oben auf dem Alstadfjellet auch mal mit Schrotflinte auf der Jagd nach Schneehühnern sehen. Zwei Zitate begleiten sein Leben, erzählt er, und beide passen auf sein Hotelprojekt. Das eine stammt aus Goethes „Schatzgräber“, dem er im Deutschunterricht begegnete: „Tages Arbeit! Abends Gäste! Saure Wochen! Frohe Feste! Sey dein künftig Zauberwort.“ Das andere stammt von Pippi Langstrumpf: „Das haben wir noch nie probiert, also geht es sicher gut.“

Das im Jahr 2010 eröffnete Hotel besteht aus einzeln stehenden Bungalows, erreichbar über Pfade aus knirschendem Kies. Das Kiefernholz der Fassaden ist mit Eisenvitriol gestrichen, das die natürliche Vergrauung beschleunigt und so die nagelneuen Häuser farblich mit den Birkenstämmen und dem Bruchholz am Boden verschmelzen lässt. Wie zufällig scheinen die Bungalows zwischen Felsen und Bäumen verstreut, doch in Wahrheit ist die Position jeder einzelnen Behausung mit Bedacht gewählt. Die Glasfronten bieten den aufregenden Blick auf Schlucht und Fluss oder eine kontemplativere Aussicht auf Moos und Felsen. Aber kein Bungalow stört den anderen durch seine Anwesenheit: Sie sind alle so platziert, dass jeder Gast die Natur scheinbar für sich allein hat.

An Funktionalität sind die modernen Katen kaum zu überbieten: Das Doppelbett passt genau in die Nische hinein, die sich offen an den Wohnbereich anschließt. Wer mit dem Rauschen des Valldøla in den Schlaf dämmern will, der öffnet einfach eine Schiebeluke in der Wand, gleich am Kopfende des Bettes. Anders als im Innern der traditionellen norwegischen Hütten ist das Holz nicht naturbelassen. Der gesamte Raum ist mit einer Farbe gestrichen, die an reife Oliven erinnert. Durch den dunklen Anstrich fühlt man sich wie in einer gemütlichen Höhle – oder im Innern einer riesigen alten Kastenkamera, die ja ebenfalls den Zweck hat, das Draußen nach drinnen zu holen.

Aber will der Mensch wirklich in dunklen Höhlen wohnen, zumal im hohen Norden? „Im besten Fall ist Architektur Poesie“, erklärt der Architekt Jan Olav Jensen. „Wir wollten unser Ziel, nämlich den Gast der Natur auszusetzen, nicht nur halbherzig verfolgen: Dazu brauchten wir die dunklen Wände.“ Die Natur erstrahlt hell wie auf einer Theaterbühne. Stündlich, minütlich wechselt die Atmosphäre, je nach Tageszeit und Wolken. Obwohl die Bungalows nur knapp 30 Quadratmeter haben, fühlt sich der Gast nicht beengt: Die Glasfronten geben das Gefühl von Platz, Licht und Luft.

NOBLE HÜTTEN
„Wir setzen auf eine besondere Zielgruppe: Poor on time and rich on cash“, sagt Hotelier Slinning. Rund 300 Euro kostet ein Bungalow pro Nacht. Bekannte Lifestyle-Magazine wie „Wallpaper“ haben über das Konzept geschrieben, „Le Figaro“ und „The Times“ waren zu Besuch. Bei den Norwegern fällt das Konzept auf fruchtbaren Boden, weil die Begeisterung für die Natur ein wesentlicher Bestandteil der nationalen Identität ist. Über die Hälfte der Einheimischen haben ihre eigene „Hytte“, wo sie Wochenenden und Ferien verbringen – idealerweise einsam und ohne Komfort. Tatsächlich aber bauen sich immer mehr Norweger luxuriöse Zweitdomizile. Es entstehen ganze Siedlungen aus uniformen und überdimensionierten Blockhäusern, die den ursprünglichen Gedanken des Alleinseins mit der Natur ins Gegenteil verkehren.

Das Hotel Juvet dagegen erinnert daran, dass Exklusivität keine Frage der Quadratmeterzahl ist, wie schon Friedrich Schiller wusste: „Raum ist in der kleinsten Hütte für ein glücklich liebend Paar.“

Text: Bernd Hauser, Fotos: Knut Slinning, Jensen & Skodvin
Bilfinger Berger Magazin 2/2011