ASTRID LINDGRENS PIPPI LANGSTRUMPF REVOLUTIONIERTE DIE KINDERLITERATUR - UND DAS BILD DER FRAU.
Für Renate war sie ein Idol, Guido nennt sie die „erste Liberale“, Verona wollte „sein wie sie“. Was Grünen-Chefin Künast, Außenminister Westerwelle und TV-Moderatorin Verona Pooth verbindet, ist die Begeisterung für eine Figur der Weltliteratur, die seit siebzig Jahren Kinder in ihren Bann zieht und manchen Erwachsenen auch: Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminza Efraimstochter Langstrumpf.
„Erzähl mir von Pippi Langstrumpf“, quengelte die siebenjährige Karin, die 1941 mit einer Lungenentzündung im Bett lag. „Den Namen hatte Karin in dem Augenblick erfunden“, wunderte sich Astrid Lindgren noch Jahre später. Aber sie begann zu erzählen.
Dass die Geschichte von Pippi und ihren Freunden einige Jahre später auch zu Papier gebracht wurde, verdanken Leser einem Unfall. Astrid Lindgren, die während des Krieges in der schwedischen Briefzensurbehörde arbeitete, war auf einem vereisten Gehweg ausgerutscht und hatte sich den Knöchel verstaucht. Die Zwangspause nutzte sie, um Pippis Abenteuer aufzuschreiben.
Schriftstellerin hatte Lindgren eigentlich nie werden wollen, aber nachdem das Büchlein nun einmal geschrieben war, bot sie das Manuskript dem schwedischen Verlag Bonnier an mit der Hoffnung, „dass Sie nicht das Jugendamt alarmieren“. Der Bitte wurde stattgegeben, nicht aber der nach Drucklegung. Eine grandiose Fehlentscheidung, denn ein Jahr später, 1945, griff der Stockholmer Kinderbuchverlag Rabén & Sjögren zu. Die erste Auflage verkaufte sich prächtig, auch wenn mancher Pädagoge dem Bändchen wenig abgewann. Sinnlos und geschmacklos seien Pippis Abenteuer, schrieb etwa ein Stockholmer Pädagogikprofessor; barfuß über Streuzucker zu laufen oder eine ganze Torte zu essen, erinnere „an die Fantasie eines Geisteskranken oder an krankhafte Zwangsvorstellungen“.
Das Urteil focht die Kinder nicht an. Als das Buch 1949 bei Oetinger in Deutschland erschien, hatte es sich in Schweden bereits 300 000 Mal verkauft. Doch auch im deutschsprachigen Raum gab es Kritik, insbesondere aus der Schweiz. Es mangele dem Buch an „kindlich gesundem Humor“, befand eine Bibliothekskommission in Basel. „Die originelle Grundidee des Büchleins ist zu originell und wirkt abstoßend. Wegen all dieser Unzulänglichkeiten lehnen wir dieses berühmte Pippi-Buch entschieden ab.“
Mit der tendenziellen Überforderung des pädagogischen Personals durch den anarchischen Auftritt Pippis war Astrid Lindgren vertraut. In Schweden hatte das Buch erst nach starker Überarbeitung des Manuskripts erscheinen können. Nachttöpfe wurden aus der Geschichte getilgt, und der wilde Umgang mit dem „schrecklichen Benno“ und seinen Kumpanen entschärft. Jede neue Übersetzung traf auf neue Vorurteile und Bedenken. In China gab es Probleme, weil Pippi zu frech mit den Polizisten umsprang. Den Franzosen war das Pferd zu groß und wurde zum Pony verkleinert. Süffisant bat Lindgren ihren dortigen Verleger, ihr doch ein Foto von einem französischen Kind zu schicken, das ein Pony eher als ein Pferd stemmt.
Allen Widrigkeiten zum Trotz, Pippi setzte sich durch. Wie sollte es anders sein. Inzwischen ist das Buch in über sechzig Sprachen übersetzt und weltweit verbreitet. „Pippi Langkous“ heißt es auf Afrikaans, „Pippi Meialonga“ in Brasilien und „Pippi-Ya Goredirey“ in Kurdistan. Wer im Online-Buchhandel nach „Pippi Langstrumpf“ sucht, findet fast 1 400 Titel. Darunter sind beileibe nicht nur die Lindgren-Ausgaben, sondern Wirtschafts-, Selbstfindungs- und Emanzipationsliteratur. Pippi Langstrumpf steht für Kreativität und Gestaltungswillen, Spontaneität, Mut und Skepsis.
Pippi Langstrumpf hilft der Welt und auch den Frauen – so sieht es jedenfalls Benja Stig Fagerland, 40, drei Töchter, ehemaliges Model, Dänin. Heute ist sie Unternehmensberaterin in Norwegen. Das Land steht an der Spitze der Gleichberechtigung und Fagerland war eine der treibenden Kräfte. Wenn man sie fragt, wie sie es schaffte, die Frauenquote durchzusetzen, sagt sie: „Pippi-Power“. Keine Angst haben, sich alles zutrauen. „Macht wird nicht gegeben“, sagt sie, „du musst sie dir nehmen.“
Auch Astrid Lindgren spricht von Macht, wenn sie Pippi charakterisiert: „Pippi Langstrumpf ist ja eigentlich ein kleiner Machtmensch, aber sie missbraucht niemals ihre Macht. Nur wenn sie zum Eingreifen gezwungen wird, schaltet sie sich ein. Ansonsten ist sie das gutmütigste, hilfsbereiteste und netteste Mädchen, das man sich nur denken kann. Und soweit ich das beurteilen kann, ist Macht zu haben und sie nicht zu missbrauchen, das Schwerste, was es gibt.“
Text: Paul Lampe, Collage: Eddi Kraft
Bilfinger Berger Magazin 2/2011
Astrid Lindgren Preis 2011
Der Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis geht 2011 an den Australier Shaun Tan. Wie Astrid Lindgren ist er ein Pionier: Er gilt als Meister der Graphic Novel, einer literarischen Form zwischen Comic und Roman.
http://www.alma.se/en/Award-winners/2011-Recipient






