DAS "STUDENTENWOHNHEIM DER ZUKUNFT" SOLLTEN DIE PLANER ENTWERFEN. HERAUS KAM EIN HAUS, DAS KRITIKER UND STUDENTEN BEGEISTERT. DAS TIETGENKOLLEGIET IN KOPENHAGEN.
Im Innenhof blickt man auf ein Panoptikum studentischen Lebens, überall wachsen Kuben mit Fensterfronten aus der kreisrunden Fassade, meist ist auch spät noch irgendwo Licht und eine Party. 360 junge Leute wohnen im Wohnheim Tietgenkollegiet, durch das Besuchergruppen wandeln wie durch ein Designmuseum, angelockt von begeisterten Kritiken in der dänischen Presse. „Eines von Dänemarks schönsten Häusern“, titeln die Journalisten oder einfach: „Luksus.“
In Dänemark werden Studentenwohnheime häufig von gemeinnützigen Stiftungen gebaut und betrieben. So auch das Tietgenkollegiet, das von der wohlhabenden Stiftung einer großen Bank finanziert wurde. Nicht Geld spielte hier die entscheidende Rolle, sondern der Ehrgeiz, ein internationales Referenzprojekt zu schaffen: „Das Studentenwohnheim der Zukunft.“
KÜCHENTELLER ALS INSPIRATION
Peter Thorsen, 51, Cowboystiefel, Rollkragenpullover, Lederjacke, ist Partner im Kopenhagener Architekturbüro Lundgaard & Tranberg, das mit seinem runden Entwurf den Wettbewerb um das Tietgenkollegiet gewann. Er erzählt, wie seine Arbeitsgruppe während des Wettbewerbs über einem Plan der Umgebungsbauten brütete: Das Wohnheim sollte im Norden von Ørestad entstehen, einem nach dem New-Town-Prinzip entstehenden Stadtteil. Bei Weitem nicht alle Gebäude dort sind architektonische Perlen. Das Grundstück des Tietgenkollegiets ist umgeben von lang gestreckten Kästen für Verwaltung und Universität. Wie ein wegweisendes Haus in diese starre Struktur einpassen? „Wir wussten nicht richtig weiter“, erzählt Thorsen. Das Team hatte Kuchen gegessen, die gestapelten Teller standen auf dem Tisch. „Plötzlich nahm einer den Stapel und pflanzte ihn auf den Plan!“, erinnert sich Thorsen. Alle waren sich einig gewesen, dass sie ein Haus schaffen wollten, das Kommunikation und Miteinander fördert. Und was symbolisierte Geselligkeit besser als ein Kreis?
NICHTS FÜR EIGENBRÖTLER
Im Inneren des Ringes planten die Architekten die Gemeinschaftsräume, im äußeren Teil die 25 bis 33 Quadratmeter großen Einzelzimmer. „Skandinavische Architektur ist immer funktional“, sagt Thorsen. Dass in einem Studentenwohnheim Böden und Wände Schall schlucken, dass Planer daran denken müssen, wo Studenten ihre nassen Gummistiefel trocknen, ist eine Selbstverständlichkeit. Auch dass es keine Kochgelegenheiten in den Zimmern gibt, ist kalkuliert: „Wir haben das Haus nicht für Leute geplant, die sich lediglich in ihren Zimmern vergraben wollen.“
Dafür steht auch das Erdgeschoss. Dort chatten die Bewohner im Computerraum, machen Zirkeltraining im Fitness-Raum, nähen und schneidern in Werkstätten, spielen auf dem Flügel im Musikzimmer, und samstags gibt es im Festsaal Barbetrieb. Außen ist das Gebäude mit Tombak verkleidet, einer Messinglegierung mit hohem Kupferanteil, die auch bei „Gråvejr“ gut aussieht, und das ist wichtig: „Grauwetter“ ist häufig in Kopenhagen. Einzige Kritik in der dänischen Öffentlichkeit an dem Haus: der Preis. 107 Millionen Euro hat es gekostet. Ist das nicht ein zu stolzer Betrag für ein Wohnheim? Nein, meint Peter Thorsen, über viele Jahrzehnte der Nutzung würden sich die langlebigen Materialien ökonomisch rechnen. „Das Gebäude ist wie ein guter Wein“, sagt Thorsen, „es bekommt mit der Zeit noch mehr Charakter.“
Text: Bernd Hauser, Fotos: Lundgaard & Tranberg
Bilfinger Berger Magazin 1/2011







