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KINDER, KÜCHE UND KARRIERE

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Wie Mütter in Norwegen Karriere machen.

IN NORWEGEN IST DIE ARBEITSKULTUR FAMILIENFREUNDLICH UND DIE VÄTER SIND MODERNER ALS ANDERSWO.

Morgens zählt jede Minute. 6.30 Uhr: Emilia Thingbo schminkt sich im Wohnzimmer, während ihre zweijährige Tochter Sophia neben ihr malt und Papa Georg noch unter der Dusche steht. 6.50 Uhr: Emilia schmiert Brote, Georg füttert Sophia. 7.10 Uhr: Georg zieht Sophia an, Emilia packt die Kindergartentasche. 7.25 Uhr: Vater und Tochter kämpfen mit dem Schneeanzug. Mutter Emilia steht in hochhackigen Stiefeln und elegantem Mantel bereit. Der Morgen der Familie Thingbo ist durchstrukturiert bis ins Detail. Punkt halb acht küsst Emilia ihre Tochter: „Tschüss, bis heute Abend.“ Sie fährt ins Büro, ihr Mann bringt Sophia auf dem Weg zur Arbeit in den Kinder - garten. Erst neun Stunden später werden sich alle wiedersehen.

Alltag in einer norwegischen Familie. Was in Deutschland eher selten ist, ist in Skandinavien die Regel: Junge Mütter arbeiten Vollzeit, Väter packen zu Hause selbstverständlich mit an. Die Zahl der Frauen in Führungspositionen ist eine der höchsten, seit 2008 eine Frauenquote eingeführt wurde. Mehr als 40 Prozent der Aufsichtsräte in größeren Unternehmen sind Frauen, gleichzeitig liegt Norwegen mit einer Geburtenrate von rechnerisch 1,78 Kindern pro Frau in der Spitzengruppe Europas. Der Spagat zwischen Familie und Beruf funktioniert nur dank moderner Rollenbilder und einer gut organisierten öffentlichen Kinderbetreuung: Jedes Kind ab dem Alter von einem Jahr hat einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz – und das nicht nur auf dem Papier: 2008 besuchten 87 Prozent aller Kinder zwischen einem und fünf Jahren eine Krippe oder einen Kindergarten. Während in Deutschland nicht einmal für 30 Prozent der unter Drei jährigen ein Kitaplatz zur Verfügung steht und diese Einrichtungen häufig nur bis zum frühen Nachmittag geöffnet haben, herrscht in Norwegen quasi Vollbetreuung.

KINDERREICHTUM LIEGT IM TREND
Die kleine Sophia geht ganztags in die Kinderkrippe, seit sie zehn Monate alt ist. Ihre Mutter Emilia schrieb während der einjährigen vom Staat finanzierten Elternzeit ihre Masterarbeit im Fach Sicherheitsmanagement. Als Sophia ein Jahr wurde, kehrte Emilia als Referentin für Arbeitssicherheit und Umweltschutz zurück in ihr Unterneh men BIS Industrier, eine norwegische Tochter von Bilfinger Berger.Wie die meisten Norwegerinnen hat sie nie über ein Leben als Hausfrau nachgedacht, auch wenn das Managen von Kindern und Beruf anspruchsvoll ist. Das sieht sie auch in der Nachbarschaft, wo junge Familien gar drei und vier Kinder haben: „Eine Frau, die vier Kinder hat und arbeitet, muss eine starke Frau sein.“

FLEXIBLE ARBEITGEBER
Aber auch die Männer müssen stark sein. Als Emilia schwanger wurde, kündigte Georg seinen Job und suchte sich einen neuen. „Ich war damals 60 bis 70 Stunden pro Woche im Büro, das konnte ich mir mit Familie nicht mehr vorstellen“, sagt er. Heute arbeitet er für einen Anbieter von Videokonferenz-Systemen und ist ab 16 Uhr zu Hause. Manchmal hat er Sophia auf dem Schoß, wenn er – per Videokonferenz–Kundengespräche führt. Noch nie sei er dafür kritisiert worden: „Kinder gehören schließlich zum Leben.“ Wenn Sophia krank ist, bleibt er abwechselnd mit seiner Frau zu Hause. Jeweils zehn Tage im Jahr können beide Eltern in solchen Fällen bezahlt freinehmen, der Staat übernimmt die Kosten.

Kurz nach Emilia betritt ihre Chefin das Gebäude von BIS Industrier im Gewerbegebiet von Sandnes bei Stavanger. Kirsti Gerhardsen ist kaum im Großraumbüro angekommen, schon ist sie umringt von Kollegen, die sie mit Fragen bestürmen. Als Bereichsleiterin „Gesundheit, Sicherheit, Umwelt und Qualität“ ist sie eine gefragte Frau: Eine Abteilung hat ein Audit und wünscht Unterstützung, Manager aus den Niederlassungen treffen sich in Sandnes zu einem Meeting und nutzen die Gelegenheit für ein Gespräch, ein Journalist möchte mehr zur jüngsten Sicherheitskampagne „Mum“ wissen, die Kirsti entwickelt hat. Die Managerin strahlt dennoch Gelassenheit aus. Um diese Zeit hat sie ihr Organisationstalent bereits drei Stunden lang unter Beweis gestellt. Um 5.30 Uhr aufstehen, dann duschen, anziehen, Frühstück vorbereiten. Ab 6.15 Uhr die drei Kinder wecken, beim Anziehen helfen, frühstücken, Brote schmieren, die Söhne Brage, 6, und Aksel, 9, zur Schule fahren, die dreijährige Lykke im Kindergarten abliefern, dann in der Rushhour zur Arbeit. Wenig Schlaf und eine minutiöse innerfamiliäre Zeitplanung sind der Preis für Kinder und Karriere.

Als sie sich vor fünf Jahren auf die Führungsposition bewarb, war ihr zweiter Sohn gerade ein Jahr alt, sie selbst Anfang 30. „Im Bewerbungsgespräch sprach ich mit meinem künftigen Vorgesetzten über unsere Familien. In der Chefetage von BIS Industrier haben fast alle Kinder.“ In Deutschland wären die ersten Fragen: „Und wer kümmert sich um die Kinder? Was ist, wenn sie krank sind?“ Doch Kirstis zukünftiger Chef warb mit flexiblen Arbeitszeiten und der Möglichkeit von Heimarbeit. Auch dass Kirsti in der Regel gegen 16 Uhr Feierabend machen wollte, war kein Problem. Wenn während der Arbeitszeit ein Elterngespräch in der Schule oder eine Vorführung im Kindergarten stattfindet, gehen die Eltern selbstverständlich hin. Das geht nur aus einem Grund: „Es gibt ein großes Vertrauen untereinander, dass jeder seine Arbeit macht“, sagt sie. Sie selbst hat beobachtet, dass Mütter oft besonders effizient arbeiten, weil sie daran gewöhnt sind, sich knappe Zeit gut einzuteilen.

INGENIEUR MIT HALBTAGSJOB
Um 13 Uhr wartet ihr Mann Johnny Gerhardsen mit dem Kleinbus vor der Grundschule seiner Söhne. Aksel und Brage kommen mit einer Horde Kinder angerannt und balgen sich um die besten Sitze im Bus. Alle Freunde finden Platz, denn dies ist ein nachbarschaftlicher Abholservice. Johnny liebt seinen Job als Bauingenieur, dennoch arbeitet er einstweilen nur halbtags. In Norwegen haben zwar alle Kinder im Grundschulalter einen Platz in einem Nachmittagshort, aber Aksel wollte dort nicht hin. „Deshalb haben Kirsti und ich überlegt, dass einer von uns vorübergehend weniger arbeiten sollte“, erklärt Johnny, „und ich hatte Lust darauf.“ Dass er damit seine nächste Beförderung aufs Spiel setzt, muss er nicht fürchten.

Nach der Schule macht Johnny mit den Jungs Hausaufgaben, kocht und holt Lykke, das Töchterchen, vom Kindergarten ab. Wenn Kirsti gegen 16.30 Uhr nach Hause kommt, brummt die Waschmaschine und das Essen dampft auf dem Herd. Dank einer familienfreundlichen Arbeitskultur sitzt die komplette Familie um 17 Uhr am Essenstisch.

KNAPPE FAMILIENZEIT
Irgendwie reicht die Zeit trotzdem nicht, findet Emilia. Nach dem Abendessen sitzt sie im Badezimmer auf dem Rand der Wanne, Sophia planscht und Vater Georg legt auf dem Wickeltisch das Kapuzenhandtuch zurecht. „Wir haben zu wenig Zeit füreinander“, sagt Emilia. Die paar Stunden zwischen Arbeit und Sophias Schlafenszeit sind mit Kochen und Essen fast komplett gefüllt. Wenn sie ihre Tochter vom Kindergarten abholt, liest sie auf einer Liste nach, wann sie gewickelt wurde und wie lange sie mittags geschlafen hat. Hin und wieder gibt es Gespräche mit den Erzieherinnen, die den Eltern vom Alltag ihres Kindes erzählen. Manchmal packt Emilia die Sorge, zu wenig für ihre Tochter da zu sein. Deshalb will sie vorerst kein zweites Kind. „Vielleicht in ein paar Jahren“, sagt sie, „jetzt soll Sophia unsere ganze Energie haben.“ Trotz guter Kinderbetreuung, moderner Väter, familienfreundlicher Arbeitszeiten – Familie und Vollzeitjob miteinander zu verbinden, fordert auch Opfer.

Während Sophia noch badet, liegt die ein Jahr ältere Lykke wenige Kilometer entfernt auf dem Sofa und schläft. Beim Kochen saß sie noch auf der Arbeitsplatte und erzählte dem Vater munter von ihrem Tag. Doch nach dem Essen hat sie die Müdigkeit gepackt, der lange Tag im Kindergarten war anstrengend für sie. Johnny bringt sie ins Bett und setzt sich danach mit einer Zeitung vors Kaminfeuer. Knisternde Gemütlichkeit. Die Spülmaschine läuft. Kirsti klappt am Küchentisch den Laptop auf.

Text: Eva Wolfangel, Foto: Antonia Zennaro
Bilfinger Berger Magazin 2/2011