IN DER NEUEN DISZIPLIN BAUBOTANIK KONSTRUIEREN ARCHITEKTEN AUS BÄUMEN LEBENDE BAUWERKE.
Dem Stuttgarter Architekten Ferdinand Ludwig stellen Neugierige gern die Frage, ob er als Junge in Baumhäusern spielte. Auch auf Tarzan wird Ludwig oft angesprochen, aber beide Male muss er passen: „Nein, ich hatte kein Baumhaus, und Tarzan interessiert mich erst jetzt, seitdem mich Leute wegen meiner Arbeit immer wieder darauf ansprechen.“
An einem Spätsommertag steht Ferdinand Ludwig, 31, blond, Dreitagebart, Turnschuhe und Kapuzenpulli, im Schwarzwaldstädtchen Nagold auf zerwühlter Erde. Um ihn herum lärmen Baumaschinen, Arbeiter legen Wege und Grünflächen an. Ludwig lässt seinen prüfenden Blick über ein eigentümliches Objekt gleiten, es ist ein Stahlgerüst in Würfelform, zehn mal zehn mal zehn Meter groß, dessen Stützen und Querverstrebungen von jungen Bäumen verdeckt werden. 2012 soll der „Platanenkubus“ eine der Attraktionen bei der Landesgartenschau sein und in den Jahren danach zum grünen Zentrum einer neuen Nachbarschaft werden.
EIN GEBÄUDE, DAS WÄCHST
Erst wenige Tage vor Ludwigs Inspektion haben Landschaftsgärtner 200 Pflanzkübel mit jeweils vier daumendicken Platanen an den Seitenwänden des Würfels angebracht. An etwa 3000 Stellen sind die Bäumchen miteinander verschraubt. Im Lauf der Zeit werden sie zu einem Organismus verwachsen, durch den Wasser und Nährstoffe vom Boden bis zur Krone fließen. Dann wird man die Pflanzkübel an den Fassaden nach und nach entfernen können. Nach 15 bis 20 Jahren umschließen die Pflanzen den Stahl so fest, dass eine selbsttragende Struktur entsteht.
BRÜCKE AUS LUFTWURZELN
Seit Jahren beschäftigen sich Ferdinand Ludwig und seine Kollegen Oliver Storz und Hannes Schwertfeger am Institut Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen (IGMA) der Universität Stuttgart mit Tragwerkskonstruktionen aus lebenden Bäumen – und haben so die Baubotanik als neue architektonische Disziplin entwickelt. Sie testeten die Elastizität verschiedener Baumarten, experimentierten mit unterschiedlichen Lichtbedingungen, Düngemethoden und Verbindungstechniken. Und sie beschäftigten sich mit traditionellen lebenden Bauwerken: mit Brücken, die in Indien mit den Luftwurzeln der Gummibäume geschlagen werden; mit den europäischen „Tanzlinden“ früherer Tage, deren Äste so kunstvoll gezogen wurden, dass in der Baumkrone Bretterböden zum Tanz verlegt werden konnten.
Schon vor Jahren baute die junge Architektengruppe in eine torfige Riedwiese am Bodensee einen Steg aus Weiden, die Pflanzen tragen die Gitterroste der Stegfläche und umwachsen schon an vielen Stellen vollständig die stählernen Handläufe. Auf derselben Wiese entstand – ebenfalls aus Weiden – ein fast neun Meter hoher Turm mit begehbaren Ebenen; ähnliche Bauwerke, etwa zur Vogelbeobachtung, entstanden im bayerischen Waldkirchen, im westfälischen Olfen oder im Forschungs- und Lehrgarten der Universität Freiburg.
MIKROGARTEN IM BAUM
Der Platanenkubus in Nagold ist „die erste baubotanische Konstruktion in einem urbanen Kontext“, wie Ferdinand Ludwig formuliert. Denn nach der Landesgartenschau sollen in unmittelbarer Nähe mehrstöckige Stadthäuser in der Höhe des Platanenkubus entstehen, der über die Jahre zu einem dreidimensionalen, begehbaren Park heranwachsen soll. Wenn die Kronen der Platanen sich gut ausbilden und den Stadthäusern immer näher kommen, könnten die Wohnungen der oberen Etagen in die Baumkronen hinein erweitert werden, glaubt Ferdinand Ludwig: „Große Wohnflächen sind wegen der Tragfähigkeit sicher nicht möglich, aber kleine Räume für ein Gästezimmer, ein Büro, Atelier oder einen begehbaren Mikrogarten wären technisch lösbar.“
Von den Ideen eines Arthur Wiechula, der in den 1920er Jahren ganze Häuser aus Bäumen wachsen sah, ließ sich Ferdinand Ludwig zwar inspirieren, doch sind sie himmelweit entfernt von seinem durch und durch pragmatischen Denken. „Baubotanik ist kein Ersatz für Stahl- oder Holzbau, sondern eine Grenzdisziplin, die in die Garten- und Landschaftsarchitektur hineinreicht und neuartige nutzbare Strukturen hervorbringen kann.“
TARZAN IST KEIN GÄRTNER
Ludwig geht es nicht um Visionen, sondern um machbare Innovationen: Er kann sich begeistern für eine neue Schraubenart mit Spezialkopf, die das Verbinden der Pflanzen noch wirtschaftlicher macht; und in seiner Promotion beschäftigt er sich unter anderem mit der Frage, wie man Jungpflanzen ziehen muss, damit sie wie ein industrielles Baufertigteil für möglichst viele verschiedene Anwendungen zu gebrauchen sind.
Verständlich, dass so einer mit Baumhäusern und Tarzan wenig anfangen mag. „Tarzan ist kein Gärtner, er ist ein Wilder, der den Urwald so nutzt, wie er ihn eben vorfindet. Genauso Baumhausbauer, die den Baum nur durch wenige technische Anwendungen bewohnbar machen. Baubotanik ist das Gegenteil: Wir entwerfen und bauen einen Baum als artifiziellen Organismus.“
Der Platanenkubus, erzählt Ludwig stolz, sei von der Stadt schon genehmigt, als Aussichtsturm. Auch die Anschrift steht fest: Goethestraße 4. Vor dem Beginn der Landesgartenschau im Frühjahr 2012 will der Architekt noch einen Briefkasten anbringen: „Vielleicht bekommen wir ja Fanpost.“
Text: Stefan Scheytt, Fotos: Cira Moro
Bilfinger Berger Magazin 1/2012







