DIE MANNHEIMER UNIVERSITÄT PFLEGT DAS MITEINANDER DER GEGENSÄTZE. WIRTSCHAFTS- UND KULTURWISSENSCHAFTEN GEHEN HIER EINE VERBINDUNG EIN, DIE EINZIGARTIG IN DEUTSCHLAND IST.
Man taucht ein ins Zeitungsarchiv, findet einen Artikel über „Das Wunder von Mannheim“, und dann steht man ein paar Tage später am Eingang der Universität, sieht den Lavendelstreifen, an den sich ein Streifen roter Rosen anschließt, dann die golden bemalten Spitzen des gusseisernen Zauns und dahinter den riesigen Platz, eingefasst von Europas zweitgrößtem Barockschloss nach Versailles. Auf dem Pflaster liegt eine Flasche Asti-Sekt, und am Denkmal von Karl Ludwig, Kurfürst von der Pfalz und Auftraggeber der Anlage, steht eine leere Flasche Pfälzer Grauburgunder; zwei Tage zuvor haben hier 13 000 Besucher den Sommer und die Schloss-Universität gefeiert.
Läuft man weiter zum Foyer im Ostflügel mit seinen Säulen, Glasflächen und großzügigen Treppenaufgängen, stößt man auf zwei Bildschirme an den hohen Wänden, darauf die Anzeige für aktuelle Vorlesungen, immer wieder unterbrochen von einer Buchempfehlung: „Geist und Geld“ aus der Reihe „Wirtschaft und Kultur im Gespräch“, herausgegeben von einer Mannheimer Geschichtsprofessorin.
Die Universität ist eine Erfolgsgeschichte, die vom Miteinander viel beschworener Gegensätze handelt. Geist und Geld, Wirtschaft und Kultur – selbst die Wände erzählen davon: Der Rektoratsflur, der den Namen des Mannheimer Unternehmers und Mäzens Heinrich Vetter trägt, ist ein Raum für wechselnde Kunstausstellungen, im Senatssaal hängen Werke von A. R. Penck. Sie sind Leihgaben des Unternehmers Reinhold Würth. Die Bibliothek im Dachstuhl ist nach dem SAP-Gründer und Großspender Hasso Plattner benannt, und auch sonst gibt es kaum einen Flur oder Hörsaal im Studenten-Schloss, der nicht nach einem Sponsor benannt wäre. Die Mannheimer Universität pflegt und schätzt die Nähe zur Wirtschaft, von der man großzügige finanzielle und ideelle Unterstützung eingeworben hat.
SPITZENPLÄTZE IN SERIE
Die Hochschule zählt zu den besten. So kann es sich die Fakultät für Betriebswirtschaftslehre leisten, ihre rund 700 Studienanfänger pro Jahr aus fast 4000 Bewerbern auszuwählen. Seit Jahren belegt die Fakultät in nationalen Rankings den Spitzenplatz. Gemeinsam mit der angegliederten Mannheim Business School gehört sie zu den führenden betriebswirtschaftlichen Fachbereichen Europas. Aber auch die Geisteswissenschaften der Philosophischen Fakultät verweisen auf beste Platzierungen, zum Beispiel beim jüngsten Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE), dem größten deutschen Hochschulvergleich.
In einer der Uni-Villen, nur wenige Schritte vom Schloss entfernt, sitzt Dr. Jürgen M. Schnei - der, ein schlanker, braun gebrannter Mann von 64 Jahren. Er ist der frischgebackene Dekan der Fakultät für Betriebswirtschaftslehre (BWL), und er erinnert sich sichtlich gerne an seine ei gene Studienzeit in Mannheim, wo er BWL studierte und später promovierte. Nach mehr als drei Jahrzehnten in der Industrie, zuletzt als Finanzvorstand der Bilfinger Berger AG, ist Jürgen M. Schneider nun zurückgekehrt an seine Alma Mater. „Die Universität hat einen riesigen Sprung nach vorne gemacht. Nicht nur optisch, sondern auch beim Studienprogramm, der internationalen Ausrichtung, ganz generell beim Anspruch, den sie sich selbst gesetzt hat“, urteilt Schnei der. Dreißig Lehrstühle hat seine Fakultät und rund 250 wis - senschaftliche Mitarbeiter, deren Interessen er nun vertritt – insbesondere im Zusammenspiel mit Partneruniversitäten, die Konkurrenz und Netzwerkpartner zugleich sind.
Dass sich die Betriebswirte für diese Aufgabe einen Manager holten, ist einzigartig in Deutschland und nur eines von vielen Beispielen für das Mannheimer Selbstverständnis als Wirtschaftsuni. Dabei ist es erst wenige Jahre her, dass um das Profil der Universität heftig gestritten wurde. Die vergleichsweise kleine geisteswissenschaftliche Fakultät fürchtete angesichts der Übermacht der Wirtschaftswissenschaften um ihre Existenz und setzte Tod und Teufel in Bewegung, um ihr Überleben zu sichern: Die brave Mannheimer Uni erlebte ihre erste Studentenrevolte, und die halbe Stadt beteiligte sich. Schließlich vermittelte der damalige Universitätsratsvorsitzende im Grabenkampf zwischen Wirtschafts- und Geisteswissenschaften. Er brachte eine Reform auf den Weg, die in einer ganz neuartigen, praxisorientierten Ausrichtung der Geisteswissenschaften mündete, die intensiv mit den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften verzahnt wurden. Daran fanden alle Parteien Gefallen.
INTERDISZIPLINÄRER BLICK
In der Tat teilen Wirtschafts- und Geisteswissenschaftler der Uni eine gemeinsame Vision, die BWL-Dekan Jürgen Schneider auf den Punkt bringt: „In Mannheim ist die Fokussierung auf Wirtschaftswissenschaften zielführend, aber die Verbindung zu den Nachbardisziplinen ist ein wichtiges Element, damit dieser Fokus nicht in Spezialisierung erstarrt.“ Die neu eingerichtete Professur für Wirtschaftsethik an der Philosophischen Fakultät ist so ein Beispiel für die Öffnung der Disziplinen. Der Lehrstuhlinhaber, der Philosoph Bernward Gesang, forscht über Rationierung im Gesundheitswesen, beschäftigt sich mit den Grenzen des Wachstums, mit Alternativen zum kapitalistischen Wirtschaftssystem und mit dem ethischen Handeln von Unternehmen in Zeiten des Klimawandels. Seine Vorlesungen sind für klassische BWL-Studenten ebenso verpflichtend wie sich in umgekehrter Richtung die Geisteswissenschaftler die Grund lagen der Betriebs- und Volkswirtschaftslehre erarbeiten müssen.
BACHELOR „KULTUR UND WIRTSCHAFT“
Das Paradebeispiel für die runderneuerte Allianz der Disziplinen ist der Bachelor-Studiengang „Kultur und Wirtschaft“ (kurz BaKuWi), der ein geisteswissenschaftliches Kernfach wie Anglistik, Germanistik oder Geschichte mit dem Sachfach Betriebs- oder Volkswirtschaft verbindet. Die Studenten erwerben dabei eine Doppelqualifikation, die ihnen beste Berufsaussichten eröffnet – vom Kulturmanagement bis zum Job im Marketing oder im Verlagswesen.
Das Interesse am BaKuWi ist groß: Neun Bewerber kommen auf einen Studienplatz. Sixtina Wünstel ist eine, die die Hürde geschafft hat. Nach ihrem Abitur, mit einem Schnitt von 1,4, arbeitete sie mit Straßenkindern in Peru und absolvierte ein Praktikum in einer Unternehmensberatung. Über sich selbst sagt sie: „Ich gehöre zu denen, die es gerne gut machen wollen.“ Kaum verwunderlich also, dass Sixtina Wünstel auf sechs Bewerbungen an deutschen Universitäten sechs Zusagen erhielt – und sich für Mannheim entschied. „Ich sehe mich als Geisteswissenschaftlerin“, sagt die 21- Jährige, „aber ich denke, dass mir mit dem BaKuWi auch noch ein Türchen in der Wirtschaft offen steht.“ Inzwischen ist sie im dritten Semester, Kernfach Romanistik/Hispanistik, jobbt nebenher an der Philosophischen Fakultät und engagiert sich nach wie vor in der Entwicklungshilfe. Stress? „Schöner Stress!“, antwortet sie. „In einem Schloss zu studieren, in Räumen mit Parkett und hohen Decken: Das versüßt das Studium.“
In so einem Hörsaal steht jetzt auch Prof. Dr. Markus Schmid, 35. Die Linke in der Hosentasche, in der Rechten einen Laserpointer, steht er vor seinen Studenten, die leise auf den Laptops klappern. Die riesigen Fensterflügel sind geöffnet, von draußen dringt Straßenlärm herein. Schmid hält seine Vorlesung über die Strategien von Hedgefonds und ihre spezifischen Risiken auf Englisch – für Betriebswirte in Mannheim mittlerweile eine Selbstverständlichkeit. Seit dem Wintersemester 2010 ist Schmid Stiftungsprofessor für „Business Administration and Corporate Governance“. Der Lehrstuhl wird fünf Jahre lang von vier Mannheimer Unternehmen, darunter Bilfinger Berger, gemeinsam finanziert. „Nicht zuletzt wegen der Finanzkrise ist das Thema Corporate Governance, also die Frage einer guten Unternehmensführung, praktisch wie akademisch hochinteressant“, sagt Schmid, der zuvor an der Universität St. Gallen gelehrt hat. Der Schweizer ist so frei zuzugeben, dass er Mann heim zunächst in einem anderen Teil Deutschlands glaubte. Über den Ruf der Schloss-Universität freilich war er bestens im Bilde: „Ich hatte auch das Angebot einer privaten Uni, die sogar deutlich mehr bezahlt hätte“, sagt Schmid, „aber auf meinem Gebiet ist Mannheim die beste Adresse.“
Nach seiner Vorlesung tritt Schmid vors Schloss, es ist schon dunkel, Mannheim leuchtet. Er wohnt nur ein paar Schritte entfernt, zwischen Bahnhof und Schloss. Das Licht wird heute lange brennen bei Schmid, er muss noch an der Vorlesung für den nächsten Tag arbeiten. „Just in time production“, sagt der Wirtschaftsprofessor und macht sich auf den Weg.
Text: Stefan Scheytt, Fotos: Eric Vazzoler
Bilfinger Berger Magazin 1/2011
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