DER WISSENSCHAFTLER CARY FOWLER LAGERT NUTZPFLANZENSAMEN IN EINEM EISIGEN BUNKER AUF SPITZBERGEN EIN. EIN INTERVIEW.
Vor drei Jahren haben Sie den „Svalbard Global Seed Vault“ eröffnet. In dem arktischen Bunker sollen einmal 4,5 Millionen Saatgutproben aus aller Welt eingelagert werden. Warum dieser gigantische Aufwand?
Er ist nötig, weil auch die Herausforderungen für die Menschheit gigantisch sind. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Artenvielfalt unserer Nutzpflanzen rapide geschrumpft. Tausende Sorten von Weizen, Reis oder Äpfeln, die unsere Vorfahren seit der Jungsteinzeit gezüchtet hatten, sind quasi ausgestorben. Sie existieren nur noch als Saatproben in Genbanken.
Was ist der Grund für diesen Verlust?
Die moderne Landwirtschaft. Sie ist fraglos eine Erfolgsgeschichte, mit ihren effektiven Monokulturen, ihren ertragreichen Zuchtsorten. Doch genau darin liegt auch die Gefahr: Wir kultivieren nur noch eine handvoll Supersorten, die unter den heutigen Umständen den besten Ertrag bringen – und riskieren dabei den Verlust aller anderen Arten.
Wo ist das Problem?
Auf der Bühne der Evolution herrschte doch schon immer ein reges Kommen und Gehen. Darwin hat natürlich recht. Die Evolution sorgt dafür, dass immer jene Arten fortbestehen, die am besten an ihre jeweilige Umgebung angepasst sind. Allerdings kann man bei Nutzpflanzen nicht von einer natürlichen Auslese sprechen. Hier sind es ja die Menschen, die über den Fortbestand der Arten entscheiden. Und sie müssen nun dafür Sorge tragen, dass der Genpool nicht zu klein wird. Evolution ist das Zusammenspiel aus Vielfalt und Auslese. Ohne Vielfalt ist das Spiel aus.
Sie warnen, wir könnten schneller auf das stillgelegte Saatgut zurückgreifen müssen, als wir uns vorstellen können.
Allerdings. Viele der fast verschwundenen Arten könnten für uns schon bald wieder sehr wichtig werden. Etwa wegen einer besonderen Hitzeunempfindlichkeit oder einer anderen Qualität, von der wir heute noch gar nichts wissen. Die gängigen Reissorten beispielsweise öffnen ihre Blüten ziemlich pünktlich um 11 Uhr vormittags – mit Anbruch der heißesten Tageszeit. Aber es gibt einige Wildreissorten, die ihre Blüten erst um 4 Uhr nachmittags öffnen oder um 11 Uhr abends. Diese Reisvarianten haben eine biologische Uhr, die sie Hitze vermeiden lässt. Damit könnten sie einmal unser Überleben sichern.
Inwiefern?
Erinnern Sie sich an die Hitzewelle 2003? In jenem Jahr gab es einen Ernteeinbruch von bis zu 25 Prozent! Das Beunruhigende ist: Wenn Sie das Jahr 2003 vor dem Hintergrund der prognostizierten Klimaerwärmung von zwei Grad Celsius betrachten, wird es als relativ moderates Jahr erscheinen. Wir werden noch viel wärmere Jahre erleben. Und wir wissen, dass unsere heutigen Nutzpflanzen dafür nicht gewappnet sind. Eine Sicherheitskopie der landwirtschaftlichen Artenvielfalt ist für uns die denkbar beste Lebensversicherung.
Damit sie funktioniert, muss man allerdings die Millionen von Samen nicht nur einlagern, sondern auch wissen, zu was sie gut sind.
Das stimmt. Konservieren ist das eine. Diesen Genschatz nutzbar zu machen, das andere. Das ist die Sache der Saatgutbanken. Deren Wissenchaftler müssen mit den vorhandenen Samen herumspielen, müssen herausfinden, zu was sie gut sein könnten. Es gibt Hunderte von Banken weltweit, und sie werden damit viele Generationen lang beschäftigt sein.
Wozu dann überhaupt der Saatguttresor? Die Saatgutbanken haben doch ihre eigenen Bestände.
Gut, der Seed Vault ist nur eine weitere Lagerungsstätte. Allerdings ist es die sicherste der Welt: ein knapp 130 Meter langer Stollen, auf minus 18 Grad Celsius heruntergekühlt und mit mehren Stahltüren gesichert. Draußen tummeln sich Eisbären. Sollte einmal der Strom ausfallen, würde die Temperatur des Bunkers wegen des Permafrostbodens trotzdem nie minus 3 Grad Celsius übersteigen. Alle Genbanken der Welt sind eingeladen, dort kostenlos Sicherheitskopien ihres Samenbestands zu deponieren. Die Nachfrage ist groß. Denn die Banken in den USA, Deutschland und vor allem in den Entwicklungsländern wissen, dass ihre Schätze jederzeit in Flammen aufgehen, einem Erdbeben oder auch – wie Anfang des Jahres in Ägypten – einer Plünderung zum Opfer fallen können. Wenn das passiert, ist das wie die Zerstörung eines Picasso oder Van Gogh: ein endgültiger, unschätzbarer Verlust.
Wie gut ist der Kühlschrank mittlerweile gefüllt?
Wir haben schon über 600 000 Samenproben eingebunkert. Kommende Woche werde ich nach Spitzbergen reisen, um weitere 30 000 Proben in Empfang zu nehmen: Sendungen aus Syrien, Indien oder Kolumbien.
Auch die erste Lieferung aus Australien wird darunter sein. Auch der größte Kühlschrank kann nicht die Zeit einfrieren. Wie stellen Sie sicher, dass das eingelagerte Saatgut in tausend Jahren noch zu gebrauchen ist?
Wir haben in den vergangenen sechzig, siebzig Jahren viel Wissen über das Tiefkühlen von Saatgut angehäuft. Von den meisten Samenarten ist bekannt, wie lange sie in etwa unter diesen Bedingungen haltbar sind. Zusätzlich werden die Samenproben alle paar Jahrzehnte von ihren Genbanken getestet. Keimt nur noch ein bestimmter Prozentsatz der Saat, wird diese Sorte großgezogen, um frische Samen zu gewinnen. Es wäre ein Missverständnis zu glauben, man könnte einfach das Saatgut der Welt auf Spitzbergen abladen, die Tür schließen und nach tausend Jahren wiederkommen. Wir müssen es ständig im Auge behalten und austauschen. Der Bunker ist wie ein Lebewesen. Es gibt ständige Bewegung – eine Art Stoffwechsel.
Was kostet dieses Back-up-System?
Planung und Bau des Bunkers beliefen sich auf neun Millionen Dollar. Das hat komplett der norwegische Staat übernommen. Die laufenden Kosten für den Bunker, die Transporte und den Arbeitsaufwand der Genbanken liegen im niedrigen zweistelligen Millionenbereich. Sie werden vor allem von der Bill-&-Melinda-Gates-Stiftung getragen. Ist der Bunker erst einmal gefüllt, werden die Kosten merklich sinken. Die Samen der Sorghumhirse zum Beispiel müssen wir nur alle 20000 Jahre ersetzen. Das ist ein überschaubarer Aufwand.
Die Zeitdimensionen, in denen Sie für dieses Projekt denken, wirken auf Außenstehende ehrfurchteinflößend.
Das geht mir selbst genauso. Der Saatguttresor ist etwas, das vollkommen über den tagesaktuellen Problemen steht. Ich kann Ihnen kaum beschreiben, wie es sich anfühlt, in diesen Stollen hinabzugehen.
Versuchen Sie es.
Nun denn... Das Gefühl übertrifft um ein Vielfaches jenen Moment, als ich nach Jahren langer, harter Arbeit meine Doktorurkunde überreicht bekam. So ein Doktortitel ist etwas Berauschendes – für einen Augenblick. Aber am nächsten Morgen wachst du auf und denkst dir: Was ist schon dabei? Es ist etwas Vergängliches. Mit dem Saatgutbunker ist es ganz anders. Wir haben nach langer, harter Arbeit etwas geschaffen, das – an menschlichen Maßstäben gemessen – für die Ewigkeit ist. Sie können mir glauben: Da unten, in der Kälte und im Neonlicht des Bunkers, habe ich einige der glücklichsten Momente meines Lebens verbracht.
Das klingt nach einer sehr emotionalen Beziehung zu ihrem Job.
Und ob! Ich liebe meine Arbeit. So sehr, dass ich morgens nicht einmal einen Wecker brauche, um pünktlich aufzuwachen.
Sie erwachen jeden Tag zur selben Zeit? Wie eine Reispflanze?
Noch besser: Manchmal wache ich früher auf und manchmal später. Je nachdem, was an dem Tag gerade ansteht.
Text: Markus Wanzeck, Fotos: Mari Tefre - Global Crop Diversity Trust, Svalbard Global Seed Vault
Bilfinger Berger Magazin 2/2011
Video: The Doomsday Vault.
Dokumentation von CBS News über die Samenbank auf Spitzbergen
( 13 Min, engl.)
The Doomsday Vault
Links zum Thema
www.croptrust.org







