BEI DEN ERNEUERBAREN ENERGIETRÄGERN HOLT BIOMASSE GEWALTIG AUF. DURCH NEUE TECHNIKEN WIRD SIE AUCH FÜR GROSSE ENERGIEANBIETER INTERESSANT.
Längst sind es nicht mehr nur Landwirte und Ökobetriebe, die sich für Gülle, Stroh und Kompost interessieren, sondern auch die großen Spieler im Energiemarkt. Biomasse ist neben Wind, Wasser und Sonne als vierte Säule im ökologischen Energiemix herangewachsen. Bis zum Jahr 2020 sollen mindestens 20 Prozent des Endenergieverbrauchs in der EU aus den Erneuerbaren gedeckt sein. Dafür braucht es die Biomasse, denn nur mit ihr lassen sich Versorgungsschwankungen aus Solar- und Windenergie auffangen. Also wird die Verwendung nachwachsender Rohstoffe in den meisten europäischen Ländern massiv gefördert.
BIOMASSE-GROSSKRAFTWERKE
In Großbritannien rentiert sich die Umrüstung fossiler Kraftwerke auf Biomasse selbst dann, wenn die Anlagen nur noch wenige Jahre betrieben werden. So wird bei London ein Großkraftwerk umgebaut, wo dann statt Steinkohle Holzpellets verbrannt werden, obwohl das Kraftwerk spätestens in vier Jahren vom Netz geht. Bauherr ist RWE, das erste der großen Energieunternehmen, das dabei ist, eine umfassende Biomasse-Strategie zu entwickeln. Dazu gehört, dass RWE seit Mai 2011 in den Vereinigten Staaten eine der größten Anlagen zur Verarbeitung von Frischholz besitzt. Mit den Pellets sollen europäische Kraftwerke gefüttert werden, die entweder komplett oder zumindest teilweise (Co-firing) auf Biomasse umgestellt werden.
Auch in den Beneluxländern entstehen Biomasse-Großkraftwerke. Für den belgischen Energieanbieter Electrabel hat Bilfinger Berger im vergangenen Jahr ein Kohlekraftwerk in Rodenhuize bei Gent umgebaut. Seither wird dort die thermische Leistung von 560 Megawatt durch die Verbrennung von Holzstaub erzielt. Der Rohstoff kommt aus Kanada.
BIOMETHANWÄSCHE
In Deutschland sind solche großindustriellen Biomassekraftwerke nicht gewollt. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) fördert in erster Linie kleine Anlagen bis 20 Megawatt und die Nutzung der Kraft-Wärme-Kopplung. Doch auch hierzulande kommt mittlerweile rund ein Drittel des Ökostroms aus Biomasse, und der Anteil nimmt stetig zu. Die meisten Produzenten verwandeln Biogas in Blockheizkraftwerken zu Elektrizität. Die Krux dabei ist, dass erheblich mehr Energie in Wärme als in Strom umgesetzt wird, rund 60 Prozent. Ein enormer Anteil, der – wiederum zu mindestens 60 Prozent – genutzt werden muss, damit Fördergelder fließen.
Für landwirtschaftliche Betriebe und Teile des produzierenden Gewerbes mag die Rechnung aufgehen, nicht jedoch für große Energieanbieter. Deshalb setzen diese zunehmend darauf, Biogas zu reinigen und ins Erdgasnetz einzuspeisen. Der Veredelungsprozess ist kompliziert. Biogas besteht nur zur Hälfte aus dem benötigten Methan, der Rest sind Stoffe, die für das Leitungsnetz schädlich sind: Kohlendioxid, Schwefelwasserstoff, Ammoniak. Um sie aus dem Biogas herauszulösen, wenden BASF und Bilfinger Berger Industrial Services ein eigenes Verfahren an. Nach der Spülung mit einer Art Waschlösung bleibt Methan mit einem Reinheitsgrad von über 99 Prozent zurück – ein Novum. Damit kann das Gas direkt ins Netz eingespeist werden.
Die neue Technik wird bereits in zwei Anlagen in Mitteldeutschland, in Zörbig und Schwedt, eingesetzt. Beide stehen bei Verbio, dem größten europäischen Hersteller von Biokraftstoffen, und liefern rund ein Fünftel des gesamten deutschen Bioerdgases. Gewonnen wird es aus den Rückständen der Biospritproduktion. Verbio generiert auf diese Weise nicht nur ein zusätzliches Geschäft, sondern verbessert im Hinblick auf die 2013 kommende Verschärfung des Emissionshandels auch seine CO2-Bilanz.
BIOWASSERSTOFF
Biomasse eignet sich jedoch nicht nur zum Füttern des Strom- und Gasnetzes, sondern auch für die Produktion von Wasserstoff. Bisher war die Herstellung aus Biomasse zu teuer, um im industriellen Maßstab rentabel zu sein. Bilfinger Berger hat nun in Zusammenarbeit mit einem namhaften Gashersteller einen Weg gefunden.
Als Ausgangsmaterial dienen vor allem trockene pflanzliche Reststoffe, die thermochemisch behandelt werden. Es entsteht ein Synthesegas, aus dem Wasserstoff gewonnen wird. Außerdem eignet sich das Gas zur Stromerzeugung oder um weitere chemische Grundstoffe zu produzieren.
Rolf Schmitt von Bilfinger Berger Industrial Services ist einer der Erfinder der Technik und von ihr überzeugt: „Das Synthesegas ist nicht nur vielseitig nutzbar, wir können es auch aus ganz unterschiedlichen Biomassearten gewinnen. Das bedeutet, dass wir die Entwicklungen im Bereich der erneuerbaren Energien aktiv mitgestalten können.“
Text: Daniela Simpson
Bilfinger Berger Magazin 1/2012






