Bilfinger Berger Magazin
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ENTWICKLUNG IN SRI LANKA

DIE DSCHUNGEL-BLOGGER

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MIT DEM INTERNET HOLTE EIN LEHRER ENTLEGENE DÖRFER IN SRI LANKA AUS DEM ABSEITS. SEIN KONZEPT DES E-VILLAGE WURDE VIELFACH AUSGEZEICHNET UND NACHGEAHMT.

Wanni sitzt mit seinem Laptop unter dem Mangobaum. Er wird überragt von weit ausladenden Ästen, die ein tropisches Tohuwabohu aus Schlingpflanzen, Geckos und Kolibris beherbergen. Hinter dem Haus erstrecken sich Reisfelder. Für Nandasiri Wanninayaka, genannt Wanni, 38 Jahre alt, Bauernsohn und Englischlehrer, Computerfreak und Sozialunternehmer, ist das ein guter Ort, um eine Meldung für seine Website hochzuladen. Wannis Heimatort Mahavilachchiya besteht aus kaum mehr als Reisfeldern und Dschungel, dazwischen Gehöfte, das Zuhause von 20 000 Menschen. Die meisten sind Bauern, die über die Runden kommen. Aber mehr auch nicht. Reis ist langsam. Sein Rhythmus folgt dem Wechsel von Regen und Trockenheit, von Aussaat und Ernte, zweimal im Jahr.

ENGLISCH IST DER SCHLÜSSEL
Wanni klettert auf sein Moped, das Zweirad hüpft durch die Schlaglöcher, vorbei an einem Sendemast, der sich knapp über die Baumwipfel emporreckt. Das Internet kommt per Funk. Ein Netz kleiner Router und Rechner, auf Englisch „Mesh Technology“, verteilt die Signale über das weite Areal. Vor einem modernen zweistöckigen Bau kommt Wannis Motorrad zum Stehen. Die Computerschule ist sein Hauptquartier. Von dort aus hat er es geschafft, seinen Geburtsort zum Modell zu machen.

„E-Village“ nennt Wanni sein Konzept, Dschungeldörfer an die Datenautobahn anzuschließen. „Mein Ziel heißt Zugang“, sagt er, „die Leute sollen trotz Abgeschiedenheit an Informationen, Kontakte und gute Jobs kommen.“ Sein Trägerverein „Horizon Lanka“ finanziert Computerschulen, Kurse für die Dorfbewohner, Fortbildungen für Lehrer und die Mesh-Technologie, mit der sich selbst die entlegensten Gehöfte ans Netz bringen lassen.

Dabei ist das Internet nur Wannis Mittel zum Zweck: „Das Internet ist Englisch, und Englisch ist der Schlüssel, um das Tor zur Welt aufzumachen“, sagt er. Obwohl Englisch eine der Amtssprachen ist, spricht man in den Dörfern meist nur Tamilisch oder Singhalesisch. Am Computer jedoch lernen selbst widerspenstige Schüler. Wortfetzen wie „Please delete“ und „Game over“ sind nur der Anfang. Dann fangen sie an, PowerPoint-Präsentationen mit Modefotos zu entwerfen. Und erste kleine Aufsätze in der Fremdsprache zu tippen. Die Lernrate, so berichten Lehrer, die von Horizon Lanka fortgebildet wurden, steigt bei den Schülern sprunghaft, wenn sie Computer benutzen dürfen. Wanni selbst hatte das Glück, dass seine Eltern ihn aufs College schickten. Er wurde Lehrer, bekam einen Job in Colombo – und heftiges Heimweh. Aber das Weite und Weltläufige, das er in der Hauptstadt schätzen gelernt hatte, wollte er ebenfalls nicht mehr missen. Das brachte ihn auf die Idee, sein Heimatdorf ans Internet anzuschließen. Er formulierte ein Konzept, rechnete, schrieb Anträge und bat internationale Organisationen um Hilfe – erfolgreich. Auch in Sri Lanka selbst stieß er auf positive Resonanz: Ein einheimisches Unternehmen stiftete 2006 den ersten Funkmasten. Seitdem ist Mahavilachchiya 24 Stunden am Tag online. Ganz weit weg, und doch weit vorne: Wanni ist sich ziemlich sicher, dass das erste Skype-Gespräch Sri Lankas von seinem Lieblingsplatz unter dem Mangobaum aus geführt wurde.

SURFEN IST TEAMSPORT
Angekommen in der Computerschule, hockt sich Wanni zu den Kids. An der Wand entlang reihen sich die Monitore wie Fenster zu einer größeren Welt. Lärmend gruppieren sich Mädchen in weißen Schulkleidern, Jungen in blauen Shorts und weißen Hemden um die Bildschirme. Surfen ist Teamsport. Einige der Älteren haben ihren eigenen Blog, wo sie Geschichten aus dem Dorf einstellen. Lehrer aus der ganzen Region kommen hierher, um zu lernen, wie man Computer in den Schulunterricht integriert.

„Am Anfang beäugten uns viele Eltern misstrauisch“, sagt Wanni. „Deshalb haben wir sie von vornherein einbezogen.“ Mittlerweile steht in Mahavilachchiya nicht nur in der Schule, sondern in vielen Farmhäusern ein PC – wie auch in 50 weiteren Dörfern, die nach dem gleichen Modell zu „E-Villages“ wurden.

Das Gehöft der Familie Sampath liegt versteckt hinter einer hohen Hecke. Im Wohnzimmer stapeln sich mannshoch schwere Säcke, direkt neben der Polstergarnitur. Die letzte Ernte ist noch nicht verkauft. Tharanga Sampath, 20, der Sohn des Hauses, loggt sich bei der Börse in Colombo ein. 10 000 Rupien hat er investiert, rund 65 Euro, einen Monatslohn, in Aktien eines Glasherstellers. Vor sechs Monaten hat er gekauft, jetzt präsentiert er stolz die Kurse auf dem Monitor. Die Rechnung ist aufgegangen, die Aktien sind deutlich gestiegen. Tharanga lächelt scheu. „Ich will Banker werden“, sagt er. Für den Sohn eines Reisbauern ein Traumberuf.

Am Abend geht Lehrer Nandasiri Wanninayaka, wie so häufig, zum nahen Badeteich. Schwärme von Flughunden patrouillieren am nachtblauen Himmel, als wollten sie das dörfliche Idyll schützen. Als Wanni ins Wasser steigt und für sein Vollbad rhythmisch unter- und wieder auftaucht, schwappt der Teppich der Lotuspflanzen mit. Um ihn herum prusten und kreischen Kinder. „Das hier ist Badeanstalt, Waschmaschine und Gemeindezentrum in einem“, scherzt Wanni. Alles auf einem Haufen, nestwarm, nah, verbunden – „das gibt es in den großen Städten kaum noch“. Die entspannte Langsamkeit seiner Heimat: Er braucht sie als Boden unter den Füßen.

Text: Michael Gleich, Fotos: Paul Hahn
Bilfinger Berger Magazin 1/2012