Bilfinger Berger Magazin
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ENERGIE AUS NORWEGEN

DER NEUE NORDEN

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FRÜHER WAR HAMMERFEST EIN FISCHERDORF. JETZT STEHT HIER DIE GRÖßTE GASVERFLÜSSIGUNGSANLAGE EUROPAS.

In Hammerfest liegen Vergangenheit und Zukunft nah beieinander. Die Vergangenheit ist aus poliertem Marmor und von einem bronzenen Globus gekrönt: Die „Meridiansäule“ markiert die nördliche Grenze der Erdvermessung. Vor 150 Jahren war in dem winzigen Fischernest die Welt zu Ende. Die Zukunft dagegen flackert auf der kleinen Insel Melkøya vor der Stadt: Die Fackel der Erdgasverflüssigungsanlage ist so etwas wie das neue Wahrzeichen von Hammerfest.

Keine zehn Jahre ist es her, da grasten auf Melkøya in den kurzen Sommern ein paar Schafe, und Kabeljau hing zum Trocknen in der Sonne. Doch im Sommer 2002 holte der norwegische Energieriese Statoil rund 3000 Arbeiter aus 40 Ländern nach Hammerfest, um die riesige Verflüssigungsanlage zu errichten. Vor der Stadt wurden Camps aufgebaut, sogar Kreuzfahrtschiffe wurden angemietet, um all die Spezialisten unterzubringen, die helfen sollten, eine wichtige Energiequelle der Zukunft zu erschließen: Im Arktischen Meer wird ein Viertel der weltweiten Öl- und Gasreserven vermutet. Die Erdgasverflüssigungsanlage vor Hammerfest ist der erste Schritt zu ihrer Nutzung. Heute erheben sich auf der Insel Melkøya Gastanks, groß wie Wohnblocks. Dort lagern bis zu 370 000 Kubikmeter Flüssiggas. Gewonnen wird es aus dem Rohgas, das 140 Kilometer entfernt in der Barentsee gefördert wird. An der Wasseroberfläche ist davon nichts zu sehen. Das Gas wird mithilfe von sogenannten Subsea Templates erschlossen. Das sind auf den Meeresboden versenkte vollautomatische Zapfstellen, die das Rohgas aus dem Untergrund fördern und in Pipelines leiten, in denen es nach Melkøya strömt. Jeden Tag werden dort 13 000 Tonnen veredelt und bei minus 163 Grad Celsius verflüssigt. Die Entwicklung steht erst am Anfang, denn bislang werden nur die Gasfelder „Snøhvit“ und „Albatross“ angezapft; 2014 folgt mit „Askeladd“ ein drittes. Die Nummer vier, „Tornerose“, wird gerade erforscht. Falls die Gasvorkommen dort ebenfalls ergiebig sind, wird die Flüssiggasfabrik auf die doppelte Größe wachsen.

SAUBERES IMAGE
In flüssiger Form schrumpft das Gas auf ein Sechshundertstel seines Volumens. Das ist die Voraussetzung dafür, dass es mit Tankschiffen transportiert werden kann, die bis in die USA verkehren. Die Branche profitiert von der Diskussion um den Klimawandel. Erdgas verursacht deutlich weniger Kohlendioxidemissionen als Kohle und Erdöl. In Hammerfest wird das bei der Verflüssigung abgeschiedene CO2 sogar zurück unter den Meeresboden gepumpt, 700 000 Tonnen jährlich. Das saubere Image trägt dazu bei, dass der Weltgaskonsum wächst. Bis 2030 wird der Anteil des Flüssiggases laut einer Studie der Unternehmensbe ratung A. T. Kearney um durchschnittlich sechs Prozent im Jahr wachsen, die arktischen Lagerstätten sollen ihren Teil dazu beitragen.

MASKEN GEGEN KÄLTEBRAND
Im Schatten der Tanks zieht Kjetil Kvamme, 36, den Reißverschluss seiner Daunenjacke bis zum Kragen hoch. Er ist in Hammerfest geboren. Die Studienjahre verbrachte er in Bodø, doch dann zog es ihn nach Hause zurück. „Wenn ich über die Anlage gehe, bin ich noch immer fasziniert“, sagt Kvamme. Heute ist er dort Sicherheitsmanager. Sein Arbeitgeber ist BIS Industrier, ein norwegisches Unternehmen von Bilfinger Berger, das die kilometerlangen Rohrsysteme für die Flüssiggasproduktion instand hält und isoliert.

Wind und Salzwasser setzen den Leitungen zu, die fast alle im Freien verlaufen. An ihnen zu arbeiten, ist kein Vergnügen. Insbesondere in der 65 Meter hohen, nach allen Seiten offenen „Cold Box“, wo das Gas Schritt für Schritt abgekühlt und schließlich verflüssigt wird, zieht es gewaltig. Zwar zeigt das Thermometer in Hammerfest dank des Golfstroms selten weniger als minus zehn Grad an. Bei Sturm fühlen sich die aber an wie minus 40. Die Arbeiter tragen Masken, um Kältebrand im Gesicht zu vermeiden.

Auch die Flüssiggasrohre sind dick eingepackt. Minus 163 Grad Celsius hat das heruntergekühlte verflüssigte Gas. Um solche Temperaturen zu halten, umkleidet BIS Industrier die Leitungen und Ventile mit vielen Lagen unterschiedlicher Isoliermaterialien – eine Wissenschaft für sich.

DIE FISCHFABRIK WEICHT DEM KULTURHAUS
„Wenn es kalt ist und der Wind um einen herum pfeift, schwindet die Konzentration“, sagt Kjetil Kvamme. „Besonders unsere Gerüstbauer arbeiten manchmal in gefähr - lichen Höhen und an sehr unzugänglichen Stellen.“ Die eigenen Grenzen richtig einzuschätzen, gehöre daher zu den wichtigsten Fähigkeiten. Deshalb schult Kvamme seine Leute darin, in Not geratene Kollegen zu bergen. „Unser Ziel ist es, einen Verunglückten innerhalb von fünf Minuten von jedem Ort auf der Anlage in Sicherheit zu bringen“, so Kjetil Kvamme. Zum Glück musste sein Rettungsteam bisher nur zu Übungen ausrücken: Nach dreieinhalb Jahren und rund drei Millionen Arbeitsstunden gab es bis auf einige leichte Schnittverletzungen keinen einzigen Unfall. 70 Mitarbeiter sind ständig für BIS Industrier auf der Insel tätig. Im Frühjahr, wenn die Anlage einem Rundum- Check unterzogen wird, wächst die Truppe auf rund 250 an. Die meisten arbeiten zwei Wochen durch und fliegen dann für drei Wochen zu ihren Familien in Südskandinavien. Ein Leben zwischen zwei Welten.

Doch das große Pendeln könnte für viele von ihnen bald ein Ende haben, denn ganz offenbar wird Hammerfest als Wohnort interessant. „Als die Anlage gebaut wurde, hatten wir 9000 Einwohner“, sagt Bürgermeister Alf Jakobsen. „Jetzt sind es schon 10000.“ Restaurants, Hotels, Läden und Taxi-Unternehmen: Jeder Job auf Melkøya zieht mehr als einen auf dem Festland nach sich. Zudem zahlt Statoil umgerechnet rund 20 Millionen Euro Grundsteuer in die Stadtkasse. Eine neue Schule und einen neuen Kindergarten hat sich die Gemeinde bereits geleistet. Die letzte Fischfabrik am Hafenbecken ist dem „Kulturhaus“ gewichen – einem imposanten Glasriegel mit Kino, Theaterstätte, Musik- und Kunstschule. Derzeit werden die Straßen für neue Wasserleitungen aufgerissen, als nächstes will Jakobsen die Bürgersteige beheizen.

ZWISCHEN RENTIEREN UND FLÜSSIGGASANLAGE
Das Städtchen gewinnt an Attraktivität. Davon erzählt auch Eirihn Keüer, die in Hammerfest geboren wurde und aufgewachsen ist. Als 17-Jährige erhielt sie ein Stipendium für eine Tanzausbildung in St. Petersburg. „Ich musste einfach raus hier“, sagt sie. Zehn Jahre später, im Jahr 2009, bekam sie von Bürgermeister Jakobsen das Angebot, zurückzukommen und im frisch eingeweihten „Kulturhaus“ eine Tanzschule zu betreiben. Sie sagte zu. „Zu Beginn hatte ich 15 Tanzschüler“, erzählt sie, „heute sind es 150.“

Im Gegensatz zu Tanzlehrerin Eirihn wusste BIS-Ma - n ager Kjetil Kvamme immer, dass er nach dem Studium zurückkehren würde in seinen Geburtsort. „Allerdings hatte ich Bedenken, ob meine Frau sich hier wohlfühlt.“ Das hatte nämlich bei der ersten gemeinsamen Reise nach Hammerfest gar nicht danach ausgesehen: „Es war mitten im Winter, der Schnee türmte sich rechts und links der Straße haushoch auf, und dann blieb auch noch das Auto stehen“, erzählt Kvamme. Heute, zwölf Jahre später, kann sich seine Frau Grete keine bessere Heimat für ihre fünfköpfige Familie vorstellen. Der Kindergarten, die Schule, das Büro – kaum ein Weg ist weiter als ein Steinwurf. Im Sommer sonnen sich Rentiere am Straßenrand und im Winter gehen die Kinder eisfischen oder auf Schlittentour. Kürzlich haben die Kvammes ein Haus gebaut, bodentiefe Fenster geben eine grandiose Aussicht auf die Bucht frei. „Das ist ein idealer Ort“, sagt Grete Kvamme, „bis auf die Dunkelheit in den Wintermonaten.“ Von November bis Januar sehen die Menschen von Hammerfest die Sonne nicht. Dann spendet die Gasfackel von Melkøya ein fast schon tröstliches Licht.

Text: Mathias Becker, Fotos: Eric Vazzoler
Bilfinger Berger Magazin 2/2011