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ÖPP-COLLEGE BEI BELFAST

BILDUNG FÜR ALLE

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Das SERC-College bei Belfast bildet junge Menschen weiter. Für viele ist das die Chance ihres Lebens.

EIN COLLEGE IN NORDIRLAND WILL DIE REGION VERÄNDERN. DAS SERC BEI BELFAST UNTERSTÜTZT JUNGE MENSCHEN BEIM SCHULABSCHLUSS UND FÖRDERT LOKALE UNTERNEHMEN.

Russell Spencer hofft, in Nordirland sein Glück zu finden. Vor einem Jahr ist er mit seiner Familie aus Simbabwe nach Belfast gezogen, weil sein Geburtsland eine beispiellose Talfahrt erlebte. Der 21-Jährige trägt ein blaues Poloshirt mit dem Schriftzug „Johnsons Coffee“. Für die Firma repariert er in Restaurants Kaffeemaschinen, in ganz Nordirland kommt er herum, gelegentlich sogar nach Dublin. Die Arbeit bringt Geld. „Aber ich will kein kleiner Monteur bleiben“, sagt er.

Deshalb hat sich der Junge mit den Sommersprossen zu einem Elektrotechnikkurs im South Eastern Regional College (SERC) eingeschrieben. Jeden Donnerstag von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends befasst er sich in dem zwei Jahre währenden Kurs mit den Geheimnissen von Elektronen, Transistoren und elektrischen Widerständen. „Das ziehe ich durch, weil ich weiterkommen will“, sagt er. Bis ins Detail kann er die Sortiermaschine des schwäbischen Roboterbauers Festo erklären. Dabei schlüpft er zwischen einem Roboterarm, Förderbändern und einem Trichter voller Maiskörner hindurch. Seine Augen leuchten. „So eine Maschine kostet 200 000 Pfund. Und das SERC hat eine. Phänomenal!“

TRADITIONSREICHES COLLEGE
Das SERC ist Fortbildungszentrum, Berufsschule und Volkshochschule zugleich. Die Dozenten machen Kursteilnehmer mit unterschiedlichstem Hintergrund fit für den Arbeitsmarkt. Damit nicht genug: Die Dozenten nehmen als Berater oder Produktentwickler Aufträge aus der freien Wirtschaft an. Und Kurse werden auf Unternehmen zugeschnitten. Das macht das College zum Dreh- und Angelpunkt für berufliche Bildung und Unternehmensentwicklung in Nordirland. Rund 68 000 Beschäftigte haben sich in den vergangenen zehn Jahren hier für ihren Job aus- oder weitergebildet. „Diese Leute sind wichtig für unsere Wirtschaft“, sagt Ken Webb, Direktor und Geschäftsführer des SERC, das 1200 Mitarbeiter zählt.

„Wir verfolgen heute noch die gleichen Ziele wie 1914, als unsere Schule gegründet wurde“, erklärt er. Damals boomte im nahen Belfast der Schiffbau, dort lief die Titanic vom Stapel, der modernste Ozeandampfer seiner Zeit. Das College bildete Schiffsbauer und Schweißer für die anspruchsvollen Werften aus. Es ermöglichte durch niedrige Studiengebühren selbst Armen höhere Bildung. Zudem bot es Schulabgängern mit schlechten Zeugnissen Extrakurse in Lesen, Schreiben und Rechnen.

Mittlerweile werden Schiffe in Asien gebaut, und jahrzehntelang lähmte der blutige Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken das Land. Ken Webb umreißt deshalb, welche neue und doch alte Rolle das SERC bei der Wiederbelebung der regionalen Wirtschaft spielt. „Wir verteilen nicht einfach Diplome, sondern wollen für Fachkräfte mit exzellent ausgebildeten Fertigkeiten sorgen“, sagt Ken Webb. Schwerpunkte liegen auf Wissenschaft, Technik, Ingenieurwesen und Mathematik. Jeder dritte Student besucht einen dieser Kurse.

AUFWÄRTS AUF DER BILDUNGSLEITER
Im Verlauf eines Jahres sitzen insgesamt 15 000 Erwachsene wie Russell Spencer in den Klassenzimmern, Laboren und Techniksälen. Manche abends noch im Blaumann, den sie tagsüber bei ihrer Arbeit tragen.

Vormittags bevölkern junge Leute den Lisburn Campus. Mehr als 5 000 Schulabgänger mit und ohne Abschluss verteilen sich auf Vollzeitkurse in 40 Fächern. Manche haben das SERC bereits während ihrer Schulzeit kennengelernt, denn mit vielen Schulen bestehen Partnerschaften, und in den Ferien besuchen Schüler hier ergänzende Kurse. Später können sie auch ihre Ausbildung hier absolvieren: in der Kfz-Werk statt, der Schreinerei oder der Restaurantküche.

Andere Jugendliche streben zur Universität. Auf einer Art Bildungsleiter klettern sie von Kurs zu Kurs höher. Naomi Campbell, 20, macht das so. Ihr Schulabschluss entsprach etwa einer Mittleren Reife. Jetzt besucht sie am SERC einen zweijährigen Kurs in Gesundheits- und Sozialwesen und hat damit die Zugangsberechtigung für ihr Traumstudium: Sozialarbeit. Sie sitzt im Rollstuhl und fährt so flink die Gänge entlang, dass man kaum hinterherkommt. Später möchte sie in einem Jugendzentrum arbeiten. Im SERC wurde sie zur studentischen Behindertenbeauftragten gewählt.

AUS DER PRAXIS AN DIE UNI
James Currie, 21, hat eine besonders innige Beziehung zum Campus. Er hat als Student am SERC beim Bau des Gebäudes mitgewirkt: Arbeitspläne geschrieben, den Materialfluss überwacht. Jetzt hat er sein Studium an der University of Ulster in Belfast begonnen. Er will Bausachverständiger werden. Durch seinen zweijährigen Kurs am SERC verkürzt sich seine Studienzeit um ein Jahr und die Studienkosten verringern sich um rund 10 000 Pfund.

MIT MEHR ALS 1000 FIRMEN VERNETZT
Der Fokus des Colleges reicht über die Studenten hinaus zu den Unternehmen. Mit über 1000 Firmen wurde ein Netzwerk geflochten. Dickschiffe sind darunter wie Bombardier und Coca-Cola. Die Beschäftigten des Flugzeugbauers bildete das SERC im Umgang mit Titan und Carbon weiter. Für den Getränkehersteller schulte SERC Mitarbeiter darin, wie eine moderne Abfüllanlage zu bedienen ist. „Wir fragen: Welche Kurse braucht die Wirtschaft? Wir beharren nicht drauf, dass unsere Kurse 100-jährige Tradition haben“, sagt Campus-Direktor Michael Malone, der die Lehrpläne entwickelt. Die Wirtschaft des Landes wird allerdings von kleinen Firmen getragen, von Dreimannbetrieben wie dem von Harry Connor, 39. Der gedrungene Automechaniker, unter dessen Hemds ärmeln Tätowierungen hervorlugen, zeigt stolz seine Erfindung: eine Teleskopstange, die man im Laster zwischen Lenkrad und Bremspedal klemmt, um die Bremslichter zu prüfen. „The Extra Foot“ heißt die Innovation. „Nichts großes, doch bei Ebay gehen die Dinger weg“, sagt Connor.

Das Logo von „The Extra Foot“ hat Andrew Corbett, 42, der am College Produktdesign unterrichtet, entworfen. „Solche Aufträge halten mich fit. Sie helfen, nicht in der Theorie zu verstauben“, sagt er und blättert durch sein Skizzenbuch. Lediglich 120 Pfund Gebühr musste Erfinder Harry Connor für das Logo zahlen. „Ich habe noch mehr Erfindungen im Kopf“, sagt dieser verschmitzt, „für CAD-Zeichnungen und Logo komme ich dann wieder zum SERC.“

BILFINGER BERGER BETREIBT DAS COLLEGE
Ian Cuthbertson genießt das bunte Treiben auf dem Campus. „Dieses helle Gebäude. Mit dem Café und dem Frisörsalon am Eingang. Wie eine Mall“, freut er sich. Einmal im Monat verlässt er sein Büro in Belfast und besucht den Campus, um nach dem Rechten zu sehen. Cuthbertson repräsentiert Bilfinger Berger Project Investments in Nordirland. Sein Unternehmen betreibt das College in Lisburn im Rahmen einer Public Private Partnership (PPP). „Wir werden 25 Jahre lang dafür sorgen, dass das College immer up to date ist. Das gilt für das Gebäude genauso wie für die gesamte Ausrüstung.“ Aus dem Café blickt er hinüber zum Frisörsalon, wo Lehrlinge fleißig kämmen und föhnen. „Die sind natürlich auch immer up to date “, sagt er lächelnd – das immerhin fällt nicht in seinen Arbeitsbereich.

Russell Spencer, der junge Mann aus Simbabwe, plant indes schon über seine Ausbildung beim SERC hinaus. „Ich interessiere mich für Starkstromanlagen“, sagt er, „Arbeit in einem Kernkraftwerk, das wär’s.“ Die gibt es zwar in Großbritannien – nicht jedoch in Nordirland. Womöglich ist Nordirland doch zu klein für seine Träume.

Text: Mathias Rittgerott, Fotos: Rainer Kwiotek
Bilfinger Berger Magazin 1/2011

ÖPP rund um Belfast
Bilfinger Berger Project Investments (BBPI) ist an vier der sechs Berufsschulen des SERC-Colleges als privater Partner beteiligt, alle im Süden von Belfast. In Planung befinden sich außerdem zwei ÖPP-Schulen im Zentrum und im Osten der nordirischen Hauptstadt. Außerdem betreibt Bilfinger Berger seit 2009 einen 60 Kilometer langen Abschnitt der Autobahn M1/Westlink
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