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SMARTER BUILDINGS

AUFBRUCH ZUM SMARTEN PLANETEN

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VOM BLOCKHEIZKRAFTWERK ÜBER DIE LAPTOPS BIS ZU DEN ELEKTROAUTOS IST DER ENERGIEFLUSS IN DER IBM-DEUTSCHLANDZENTRALE VERNETZT. DAS KONZEPT HEISST „SMARTER BUILDINGS“ UND IST EIN PILOTPROJEKT VON IBM UND BILFINGER BERGER FACILITY SERVICES.

Wenn Hanna Wegerich morgens in die IBM-Zentrale fährt, weiß sie nicht genau, wo sie an diesem Tag arbeiten wird. Die 22-Jährige holt ihre Arbeitsmaterialien aus dem Schließfach und sucht sich einen unbesetzten Schreibtisch – wie all die anderen Angestellten im Hauptquartier der IBM in Ehningen bei Stuttgart: Nicht nur BA-Studentin Wegerich, selbst Führungskräfte haben keine eigenen Büros.

Entsprechend schmucklos-funktional sind die Großräume. Die Laptops klackern auf Tischen ohne Pflanzen oder Maskottchen. Nur höchst selten sieht man ein Familienfoto. Einige Mitarbeiter schließen ihr Foto abends in den Spind und nehmen es morgens zusammen mit den Akten zu ihrem Arbeitsplatz des Tages.

REDUZIERTE BÜROFLÄCHEN
„E-Place“ heißt das Arbeitsplatzkonzept von IBM. Viele Berater und Programmierer sind häufiger bei Kunden als in der Zentrale – also braucht man nicht jedem einen eigenen Arbeitsplatz bereitzustellen, sprich: mieten, beleuchten, heizen, kühlen und putzen. Durch „E-Place“ konnte die IBM in Deutschland ihren Bedarf an Büros erheblich reduzieren. Das Konzept funktioniert, weil Informationstechnologie und ein intelligentes Gebäudemanagement die Voraussetzungen dafür schaffen.

Das Unternehmen, das längst keine Computer mehr baut, sondern sich in einen Software- und Beratungskonzern mit 430 000 Mitarbeitern rund um den Globus gewandelt hat, gilt in vielerlei Hinsicht als Innovationstreiber. So ist es nun auch mit dem „Smarter Buildings“-Konzept, das IBM Deutschland und Bilfinger Berger Facility gemeinsam entwickelt haben. Ehningen ist die erste Immobilie, in der alle Prozesse so vernetzt sind, dass das Gebäude umfassend nachhaltig betrieben werden kann.

MITARBEITER SPAREN ENERGIE
Das Energiemanagement, vor allem das Einsparen und Teilen von Strom, ist der Kernpunkt des Konzepts, und die IBM-Mitarbeiter spielen dabei die zentrale Rolle. In herkömmlichen Büroimmobilien fressen allein die Rechner rund ein Viertel der Elektrizität. Für Ehningen wurde nun ein Tool entwickelt, das die Mitarbeiter dabei unterstützt, ihren Energieverbrauch zu drosseln. Hanna Wegerich, die BA-Studentin, hat ihre Bachelor-Arbeit über diese neue Anwendung geschrieben und führt sie am Laptop vor: „Jeder Mitarbeiter sieht den aktuellen Stromverbrauch des Gebäudes auf dem Bildschirm angezeigt. Die Darstellung ist gekoppelt mit Energiespartipps. Wenn der Zeiger in den roten Bereich geht, können die Mitarbeiter ihre Laptops über den Akku laufen lassen“, erklärt sie.

Auf Rot steht der Zeiger immer um die Mittagszeit. Diese sogenannten Lastspitzen versucht Thilo Kälberer, 29, zu vermeiden, wo es nur möglich ist: „Die Energieversorger staffeln ihre Preise. Lastspitzen sind extrem teuer.“ Kälberer ist bei Bilfinger Berger Facility Services im Consulting tätig und koordiniert die vielen Facetten des Pilotprojekts. „Wir kombinieren mehrere Technologien, um diese Spitzen zu glätten.“ Eine davon ist das Blockheizkraftwerk (BHKW), das Bilfinger Berger für Ehningen gebaut hat und nun betreibt. Der 17 Tonnen schwere Gasmotor mit einer Leistung von 3,35 Megawatt treibt einen Generator zur Stromproduktion an, die Abwärme wird für Heizung und Kühlung genutzt. So erreicht die Anlage einen Wirkungsgrad von 90 Prozent. Während der täglichen Lastspitzen produziert das BHKW vor allem für den Strombedarf im Gebäude. Wenn aber bei Flaute und Wolken in Deutschland Wind- und Solarkraftwerke still stehen und deshalb der Preis an den Strombörsen hoch ist, lenkt das BHKW seinen Elektronenfluss zum großen Teil ins öffentliche Netz.

CONTRACTING SENKT KOSTEN
„In diesen Phasen erzielen wir saftige Erträge“, sagt Arthur Dornburg, 47. Er ist Geschäftsführer von m+p consulting, einer Beteiligungsgesellschaft von Bilfinger Berger, die das Kraftwerk im Rahmen eines Contracting-Modells erstellt hat: „Nach dreieinhalb Jahren gehört das Kraftwerk IBM. Bis dahin muss es sich für uns über Einspareffekte amortisiert haben.“ An der Zeitvorgabe von IBM waren vor Bilfinger Berger mehrere Ingenieurbüros gescheitert. „Erst wir haben die Nuss geknackt, weil wir uns nicht allein auf die technische Lösung konzentrieren“, erklärt Dornburg. „Wir erreichen die Amortisierung auch durch den Handel mit Energie, also durch das Fachwissen unserer Kaufleute.“

Erst die Interdisziplinarität führt zu wirklich „smarten“ Lösungen, ist sich Dornburg sicher. Mit Energieeffizienz beschäftigte sich der Maschinenbauer schon zu Studienzeiten: „Bis vor einem Jahr war ich ein Gegner der Elektromobilität. Was bringt es schon, E-Autos einzuführen, wenn man sie dann wieder mit Strom aus herkömmlichen Energieträgern betankt?“ Doch mittlerweile hat die Bundesregierung ihr Papier zur Energiewende verabschiedet. „Deutschland kann die erste große Industrienation mit einem hocheffizienten Energiesystem werden, das auf erneuerbaren Energien beruht“, heißt es darin. Bis 2020 soll der Anteil von Sonne, Wind und Co. im Energiemix von heute 17 Prozent auf 35 Prozent steigen. „Wenn der Anteil der Regenerativen so hoch ist, dann macht E-Mobility auch aus Umweltsicht wirklich Sinn“, sagt Dornburg. Mindestens eine Million Elektroautos sollen laut den Plänen der Bundesregierung bis 2020 auf den Straßen fahren, bis 2030 gar sechs Millionen.

Das Gebäude in Ehningen will auch hier an der Spitze der Entwicklung stehen. IBM mietet die E-Autos aus dem Pool von Bilfinger Berger nicht nur zum Fahren, sondern nutzt sie gleichzeitig als Zwischenspeicher: Sie werden dann geladen, wenn der Netzstrom günstig ist und geben Energie ab, wenn er knapp und teuer ist. Gesteuert wird der Prozess durch die IT. Finanziell interessant wird die Sache dann, wenn die Mitarbeiter in den nächsten Jahren mehr und mehr auf E-Fahrzeuge umsteigen. Ihre Autos werden dann in die Energieversorgung der IBM-Gebäude eingebunden. „Mit den Batterien von nur hundert Autos könnte die IBM Spitzenlaststrom im siebenstelligen Eurobereich pro Jahr einsparen“, sagt Arthur Dornburg.

BETRIEBSKOSTEN SINKEN ERHEBLICH
Bilfinger Berger Facility Services betreut IBM-Standorte in 24 Ländern. Allein in Ehningen beschäftigt das Unternehmen 26 Ingenieure, Facharbeiter und Verwaltungsleute. Sie managen die Flächen, den Gebäudebetrieb und die Gebäudetechnik. Um das IBM-Hauptquartier zum „Smarter Building“ zu entwickeln, haben sie sich in Task Forces mit den Software- und Vernetzungsspezialisten von IBM zusammengeschlossen. Wenn die einzelnen Verwaltungs- und Informationssysteme über alle technischen Barrieren hinweg verknüpft sind, wird das die Betriebskosten um 35 Prozent senken. Damit steht Ehningen für ein richtungweisendes Immobilien- und Energiekonzept. Fast könnte man denken, die Macher hätten sich vom ökonomischen Vordenker Jeremy Rifkin inspirieren lassen. In seinem neuesten Buch „Die dritte industrielle Revolution“ legt der Amerikaner dar, wie das Zusammentreffen neuer Kommunikationstechnologien und nachhaltiger Energiesysteme Wirtschaft und Gesellschaft verändern werden: Mikrokraftwerke, die Speicherung der Energie vor Ort, die Umstellung auf Steckdosenfahrzeuge und der dezentrale und interaktive Stromhandel sind wesentliche Säulen seiner Vision.

Text: Bernd Hauser, Fotos: Rainer Kwiotek, Christoph Püschner
Bilfinger Berger Magazin 1/2012

Interview

Hans-Hermann Junge, bei IBM verantwortlich für «Smarter Buildings», sieht großes internationales Potenzial.
Vertrauen macht Neues möglich

Smarter Planet

IBM will Wachstum und Umweltschutz koppeln
Fünf Module machen ein Gebäude smart

Literaturtipp

Jeremy Rifkin:
Die dritte industrielle Revolution. Die Zukunft der Wirtschaft nach dem Atomzeitalter.
Campus, Frankfurt am Main 2011.
304 S., 24,99 Euro.