ZWEI DÄNEN WOLLEN SICH DEN WELTRAUM ANSEHEN UND KONSTRUIEREN EINE RAKETE. DAS MATERIAL KOMMT AUS DEM BAUMARKT.
Der Taxifahrer wird misstrauisch: „Da wollen Sie hin?“ Vor ihm liegt die Einfahrt zu einem verlassenen Hafengelände von Kopenhagen, der Wind schlägt ein Gittertor gegen verbogene Zaunpfosten, aus dem Asphalt wachsen Gras und Haselnussbüsche. Am Ende der Straße steht eine rostige Wellblechhalle. Kein Mensch zu sehen. Einen Weltraumbahnhof hatte man sich anders vorgestellt.
Nur 15 Minuten vom Kopenhagener Stadtzentrum entfernt entsteht das vielleicht verrückteste Fluggerät dieser Tage: Ein Architekt und ein Ingenieur wollen mit einer Rakete ins Weltall fliegen. Nach Russland, den USA und China wäre das kleine Dänemark also die vierte Nation, von deren Boden ein bemannter Raumflug startet.
MEINEN DIE DAS ERNST?
Die Türe zur Halle steht offen. „Hallo, ist da jemand?“ – „I am here“, sagt ein freundlicher Glatzkopf, der hinter einer mannshohen Maschine auftaucht – und als wolle Kristian von Bengtson die Zweifel an der Ernsthaftigkeit seiner Mission noch schüren, zündet er sich eine Zigarette der Marke „Rockets“ an. Willkommen in der Raketenschmiede.
Kristian von Bengtson, 37, kennt den Blick aus Mitleid und Verwunderung, wenn ein Besucher zum ersten Mal in die Halle tritt. Er weiß, was sein Gegenüber denkt: Das meinen die doch nicht ernst? Doch, Bengtson und sein Kompagnon Peter Madsen, 40, meinen es ernst. „Sie wird fliegen, in drei Jahren, und einer von uns wird da drin sein“, sagt Kristian und zeigt auf die aufgebockte und knallrot gestrichene Raketenkapsel.
EIN PROJEKT WIE EINE EHE
Sie ist auf den einzigen Dänen getauft, der durch seine Beschäftigung mit dem Weltall bekannt geworden ist, und das ist mehr als 400 Jahre her. Tycho Brahe, ein Zeitgenosse von Johannes Kepler, hat Gerätschaften erfunden, um die Bewegung der Gestirne zu vermessen. Die „Tycho Brahe 1“ soll im Sommer dieses Jahres den Sternen 30 Kilometer näher kommen. So hoch wird die Rakete laut Plan bei einem Test fliegen, an Bord vorläufig nur ein Dummy.
Bei der amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA arbeitete Architekt Kristian mehrere Jahre an der Entwicklung der Innenausstattung von Raumfahrzeugen mit. Vor vier Jahren hörte er von Peter Madsen, einem Tüftler, der im Hafen von Kopenhagen gerade sein drittes U-Boot gebaut hatte: Die 18 Meter lange „UC3 Nautilus“ ist das größte privat gebaute U-Boot der Welt. Wer tief kann, der kann auch hoch, dachte Kristian von Bengtson: Er und Peter Madsen verstanden sich auf Anhieb. Die beiden haben in den vergangenen Jahren mehr Zeit miteinander verbracht als mit ihren Frauen, Kindern oder Freunden. „Für ein solches Projekt geht man eine Art Ehe ein“, sagt Kristian. Die Aufgabenteilung: Peter ist für den Antrieb zuständig, Kristian für den Passagierbereich. Die ersten sechs Meter der Rakete mit Verbrennungsraum, Einlassventil und Flüssiggastank gehören Peter, die oberen drei sind Kristians Baustelle.
In der Wellblechhalle herrschen an diesem Tag im Frühjahr Temperaturen nahe der Nullgradgrenze. Nur in einem abgetrennten kleinen Büroraum kann sich Kristian ein wenig aufwärmen, bevor er in seinem dicken Overall weiterarbeitet an den Sprengklappen. Sie sollen die vier Fallschirme auswerfen und den Astronauten sicher zur Erde zurück segeln lassen. „Man wird die Erde sehen, wie einen blauen Ball“, sagt Kristian, „es wird ein großartiges Gefühl sein.“
DIE MARINE SPERRT DAS SEEGEBIET
Dreiunddreißig Tests am Boden haben die Kompagnons seit Oktober 2008 unternommen, um den richtigen Treibstoff zu finden und die Hitzebeständigkeit des Materials zu prüfen. Vergangenen September sollte die Rakete mit einer Puppe an Bord zum ersten Mal abheben. Das von Madsen gebaute U-Boot zog die Startplattform außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone vor Bornholm, wo kein nationales Recht den Start von Raumfahrzeugen regelt. Die dänische Marine half und sperrte das Seegebiet weiträumig ab. „Drei, zwei, eins, null.“ Kristian drückte auf den Knopf – und es geschah nichts. Das minus 185 Grad kalte Brennstoffgemisch aus flüssigem Sauerstoff und Polyurethanen zündete nicht. Die Fehleranalyse ergab später: Einer Batterie war der Strom ausgegangen. Sie hätte einen Haarföhn angetrieben, der das entscheidende Ventil vor dem Zufrieren bewahren sollte.
Es hätte die Stunde der Schadenfrohen sein können. Doch stattdessen riefen Freunde aus NASA-Tagen an und gratulierten. „Es war ein Erfolg“, deutet Kristian das Erlebnis, „weil wir einen Fehler in der Konstruktion entdeckten, den wir bis zum nächsten Test beheben können.“ Im Büro von Peter und Kristian hängen fünf Fotos von Raketenpionieren der letzten hundert Jahre. Auch der Russe Konstantin Ziolkowski ist dabei, der als erster Mensch überhaupt über einen Rückstoßantrieb mithilfe von flüssigem Sauer- oder Wasserstoff spekulierte. Auch Raketenpionier Hermann Oberth schaut milde lächelnd von der Wand, er plante 1929 eine zwei Meter lange Rakete, die 40 Kilometer hoch fliegen sollte. Es war die Zeit, als Raumfahrt eine utopische Verheißung war und auch Albert Einstein zur Premiere von Fritz Langs Film „Frau im Mond“ ins Kino ging. Doch erst 1961 wurde Juri Gagarin zum ersten Menschen im Weltall. Mit der „Wostok 1“ hob er ab und kam nach 108 Minuten heil zurück, nachdem er einmal die Erde in einer Höhe von rund 200 Kilometern umkreist hatte.
VIELE DÄNEN FIEBERN MIT
Rund 250 Millionen Dollar kostete die NASA im Durchschnitt jeder Start eines Space Shuttle. Dagegen sind die Kosten der Kopenhagener Raumfahrer geradezu niedlich. Ihr Budget für dieses Jahr bis zum neuerlichen Start im Juni beträgt 37 000 Euro. Das Geld kommt zum großen Teil von bislang 1700 Spendern, die in Peter und Kristian wohl ihre Stellvertreter für den eigenen Traum vom Fliegen sehen. Vor allem „Ingeniøren“, die Wochenzeitung der dänischen Techniker und Ingenieure, veranstaltet Fundraising-Vorträge und berichtet regelmäßig über das Projekt, worauf sich häufig Katamaranbauer oder Flugzeugmechaniker mit Tipps an Peter Madsen wenden.
RAKETE AUS DEM BAUMARKT
Für die Hobby-Astronauten wäre es nicht schwierig, mit ihrer Idee mehr Geld zu machen. „Red Bull hat bei uns angefragt, ob sie die Rakete als Werbeträger benutzen können“, erzählt Kristian. „Aber wir wollen unabhängig bleiben. Wir wollen zeigen, dass im Grunde jeder in der Lage ist, in den Weltraum zu fliegen.“ Deshalb gibt es in der Kopenhagener Raketenschmiede auch keine Geheimnisse: Die Korkplatten zur Isolierung stammen ebenso aus dem Baumarkt wie die normierten Edelstahlbleche des Raketenantriebs. Jeder, der sich interessiert, kann den beiden bei der Arbeit zuschauen. Oft sind Studenten der Technik- Hochschule da und helfen mit.
Noch zwei bis drei Jahre, dann ist die „Tycho Brahe“ ausgetestet für ihren ersten bemannten Flug, schätzt Kristian. Er wird Peter den Vortritt lassen als erstem dänischen Astronauten. „Er hat keine Kinder.“
Doch erst einmal findet der nächste unbemannte Startversuch in der Ostsee statt. Das Problem mit dem Föhn ist inzwischen gelöst: Das Ventil, durch das der flüssige Sauerstoff mit einer Temperatur von minus 183 Grad Celsius strömt, hat eine richtige Heizung bekommen, und die Stromver sorgung wird durch eine stärkere Batterie gesichert.
Text: Philipp Mausshardt, Fotos: Uffe Weng
Bilfinger Berger Magazin 2/2011
Wird sie fliegen, die dänische Rakete? Die Homepage der Raketenbauer verrät mehr:
www.copenhagensuborbitals.com







